Der Welt ist in diesem Jahr das traurige Schauspiel des Bruderkrieges zwischen zwei NATO-Staaten erspart geblieben. Monatelang standen Türken und Griechen bereit, ihren Landsleuten im Bürgerkrieg auf der Mittelmeerinsel Zypern beizuspringen. Was im Herbst 1963 als ein Verfassungskonflikt zwischen zwei Bevölkerungsgruppen (448 000 Griechen, 104 000 Türken) begann, endete in einer fast unlösbaren internationalen Krise, in die auch die Großmächte wider ihren Willen hineingezogen wurden.

Seit dem Herbst schweigen die Waffen auf Zypern. Beide Parteien wollen die Debatte in der UNO-Vollversammlung abwarten. Erzbischof Makarios, Präsident der Inselrepublik und geistliches Oberhaupt der griechischen Mehrheit, setzt auf die Sympathien der afro-asiatischen Staatengruppe, die ihm mit einer UN-Resolution zur Unabhängigkeit Zyperns verhelfen soll. Nach seiner Meinung währen die Garantiemächte des Londoner Zypern-Abkommens von 1959 – England, Griechenland, Türkei – dann aus ihrer Verantwortung entlassen und verlören ihr Recht zur Intervention. Zypern könnte frei entscheiden, ob es sich als neutrales Land (ohne britische Stützpunkte) den Blockfreien anschließen, oder die Enosis, die Vereinigung mit dem NATO-Land Griechenland, wählen will.

Makarios hatte in der Welt eine schlechte Presse, aber auf dem diplomatischen Parkett war niemand seinen listenreichen Schachzügen gewachsen. Zunächst überspielte er im Februar die Westmächte und erreichte das Eingreifen des Weltsicherheitsrates. Unter dem Schutze einer UN-Friedenstruppe, die nur zur Selbstverteidigung schießen darf, konnte er dann darangehen, eine waffenstarrende Armee aufzustellen und systematisch die türkischen Widerstandszentren eine nach der anderen durch Blockade oder Gewalt zu bezwingen.

Fünfmal nahm eine türkische Invasionsflotte Kurs auf Zypern, aber jedesmalverhinderte amerikanischer Einspruch die Landung türkischer Truppen. Schließlich verschafften die Türken im August ihren bedrängten Landsleuten mit Tieffliegerangriffen eine Atempause. Aber selbst diesen militärischen Rückschlag verwandelte Makarios in einen diplomatischen Erfolg: er versicherte sich des Beistandes der Sowjetunion und der arabischen Staaten.

An Makarios scheiterten auch die UN-Vermittler Tuomioja (†) und Galo Plaza und der US-Sondergesandte Acheson, die in geduldigen Verhandlungen mit Athen und Ankara einen Kompromiß aushandelten, der folgendes vorsah: Anschluß Zyperns an Griechenland, Garantien für die türkische Minderheit, türkischer Stützpunkt im Norden der Insel.

Freilich haben sich die Ereignisse nicht ganz im Sinne des Erzbischofs entwickelt. Heute ist die Insel faktisch geteilt. Etwa 30 000 Türken sind in den Norden der Insel und einige größere Städte geflüchtet oder umgesiedelt worden. Die Türken besitzen jetzt eigene Verwaltung und eigene Truppen. Sie halten die Teilung für unwiderruflich.