Die Amerikaner und ihre südvietnamesischen Schützlinge mußten ihre bisher schwerste Niederlage in dem seit vier Jahren tobenden Bürgerkrieg einstecken. Zum erstenmal wagten es die Vietkong, in Regimentsstärke die Hauptstadt einer regierungstreuen Provinz anzugreifen: Binh Ghia, einen Ort 65 Kilometer östlich Saigon, wo sich 6000 katholische Flüchtlinge aus Nordvietnam niedergelassen haben. Als US-Hubschrauber Verstärkungen einflößen, verschwanden die Vietkong nicht wie sonst im Busch, sondern griffen unentwegt weiter an.

Zu Beginn dieser Woche zählten die Regierungstruppen 500 Tote, Verwundete und Vermißte, die Vietkong nur hundert. Sechs Amerikaner waren gefallen, drei wurden /ermißt und mehr als ein Dutzend waren verwundet; drei Hubschrauber zerschellten am Boden. Zwei Elite-Einheiten der Südvietnamesen wurden in einem Hinterhalt aufgerieben. Die Vietkong streiften den toten und verwundeten Gegnern Stiefel, Uniformen und Waffen ab.

Für General Khanh und seine US-Berater war diese Schladt eine bittere Lektion: Die Vietkong sind jetzt imstande, gleichstarken, besser ausgerüsteten Truppen auch ohne Luftunterstützung in offener Feldschlacht standzuhalten. Sie haben gezeigt, daß sie in regierungstreuen Provinzen operieren könren, wann und wo sie wollen.

Noch alarmierende; für die Amerikaner war die Entdeckung, daß die Vietkong neuerdings mit modernen Nahkampfwaffen aus Nordvietnam, China, der Sowjetunion und der CSSR ausgestattet sind. Vermutlich werden die Waffen über Dschungelpfade in Laos und Kambodscha oder unmittelbar über den 17. Breitenkreis, der Grenze nach Nordvietnam, eingeschleust. Der Nachschub wird auf monatlich tausend Einzelwaffen und sechzig Tonnen Munition geschätzt.

Der Zustrom von „Militärberatern“ aus China und Nordvietnam nimmt ebenfalls zu. Viele gefangene Vietkong-Partisanen entpuppten sich als Soldaten der nordvietnamesischen Armee. Sie hatten sich freiwillig gemeldet, weil ihre Offiziere ihnen eingeredet hatten, sie könnten nur nach einem Sieg der Vietkong auf ein besseres Leben hoffen. (Dem Norden fehlen die Reisfelder des Südens.) Nach neuesten Schätzungen der Geheimdienste sind die regulären Vietkong-Verbände auf 40 000 Mann angewachsen. Ihnen stehen etwa 100 000 Halbtags-Partisanen zur Seite, die ein Doppelleben als Bauern führen.

Tatsächlich sind es also zur Zeit die Vietkong und nicht die Amerikaner, dieden Krieg „eskaladieren“. Die USA haben alle Pläne für eine Kriegsausweitung nach Norden vorläufig auf Eis gelegt, da es ihnen nach vierzehn Tagen immer noch nicht gelungen ist, eine stabile Regierung in Saigon zu etablieren. Die Militärs wollen ihre Kontrolle über das Zivilkabinett nicht aufgeben, und die Buddhisten putschen die Studenten und Arbeiter zu immer neuen Demonstrationen auf. So war die Welt nicht allzu überrascht, als US-Außenminister Rusk zum Jahresbeginn einräumte „Wir könnten abziehen, ja, wir könnten abziehen!“