Die Engländer werden nur mit Bitternis an das vergangene Jahr zurückdenken können. Auch die Sozialisten, denen nach 13 Jahren endlich wieder ein Sieg über die Konservativen • gelang, sind ihres Erfolges nicht recht froh. Nicht nur, weil sie ein bitteres Erbe der Konservativen antraten, sondern auch, weil sie sich, wenn sie objektiv sind, nicht ganz von eigener Schuld freisprechen können. Obwohl dem neuen Premier selbst von konservativen Wirtschaftskreisen ein verhaltenes Wohlwollen – nach dem Motto: Auch mit der Labour Party läßt’s sich leben – entgegengebracht wurde, obwohl die internationale Finanzwelt der Bank von England den größten Kredit aller Zeiten einräumte, ist die Schlacht um das Pfund noch nicht entschieden.

In der Woche vor Weihnachten erreichte die Dauerkrise einen neuen Höhepunkt; nur einen Monat nach der Zusage des Drei-Milliarden-Dollar-Kredits durch elf Länder und zwei internationale Banken. Zwei Ereignisse steigerten die Unsicherheit zu einer hektischen Nervosität:

  • Das englische Handelsdefizit erreichte im November 288 Millionen Dollar oder 1,15 Milliarden Mark.
  • Großbritannien vereinbarte eine Verschiebung der fälligen Rückzahlung eines 552-Millionen-Mark-Kredits an die USA und eines 137-Millionen-Kredits an Kanada aus dem Jahre 1957.

Daneben erregte der Rücktritt von Dr. Beeching, der mit der Reorganisation der britischen Eisenbahnen beauftragt war, einiges Aufsehen. Der Grund für seinen Schritt war der Beschluß der Labour-Regierung, ihm „Mitarbeiter“ aus den Interessentengruppen zur Seite zu stellen, die gegen die geplanten Streckenstillegungen waren.

Dieser Rücktritt wurde vielfach als Symptom für die Unentschlossenheit Wilsons gewertet, die überholte und antiquierte Wirtschaftsstruktur des Landes radikal zu erneuern, das nach amerikanischem Urteil nach dem Verlust des Kolonialreiches nur noch zwei Möglichkeiten hat: Mit dem Handel zu leben oder unterzugehen.

Welche Chancen Großbritannien hat, dem Untergang, also der Abwertung des Pfundes zu entgehen, zeigt eine Bestandsaufnahme, die zum Jahreswechsel in England und auch in Amerika gemacht wurde. Zwei Zahlen werfen ein grelles Schlaglicht auf die verzweifelte Situation:

  • Die jährliche Wachstumsrate der englischen Industrieproduktion betrug im letzten Jahrzehnt durchschnittlich 2,5 Prozent, während die Bundesrepublik, Frankreich, Italien und Japan ihre Produktion im gleichen Zeitraum verdoppelten.
  • 1953 betrug der Anteil Großbritanniens am Welthandel mit Industriegütern 20,9 Prozent, Westdeutschlands Anteil 13,4 Prozent. 1964 hatte die Bundesrepublik 20,2 Prozent erreicht, während Englands Anteil auf 13,7 Prozent absank.