Von Karl W. Boetticher

Die Kommunisten haben Chancen – diese Feststellung machten die meisten meiner italienischen Gesprächspartner, mit deren Hilfe ich die Frage untersuchte, wie weit die italienische Gesellschaft sich eigentlich mit der unseren vergleichen ließe. Schließlich existieren diese Gesellschaften in einem Europa und in einer NATO.

Daß die Kommunisten bei uns keine Chancen haben, war meinen Gewährsleuten durchweg klar. Warum sie südlich des Brenners so mächtig sind – nur wenige konnten mir darauf plausible Antworten geben. Die meisten schoben den Tatbestand auf die politische Situation, die die Kommunisten zu einer akuten Gefahr machen. Wenn, so argumentierten sie, die wirtschaftlichen und sozialen Reformen nicht mit Energie und schnell durchgeführt würden, wenn die Preis-Lohn-Spirale nicht zum Stillstand käme, oder wenn es nicht gelänge, das „Miracolo Italiano das italienische Wirtschaftswunder, aufrechtzuerhalten, dann hätte man bei nächster Gelegenheit mit einer Volksfront unter Beteiligung der Kommunisten zu rechnen.

Einige meinten aber auch, die Regierung des Fortschritts aus Leuten der Mitte und von Links könnten durchaus ihre gewissen Erfolge erzielen; es würde das keineswegs zu einem Nachlassen der Kraft der Kommunisten führen. Im Gegenteil, je besser die Erfolge der Regierung, je höher der Lebensstandard, um so kräftiger die Opposition, um so größer die Unruhe, um so heftiger die revolutionären Forderungen. Alle Vermutungen, man könnte wie in der Bundesrepublik mit einem Wirtschaftswunder den Wettlauf mit den Kommunisten mühelos gewinnen, hätten bisher enttäuscht.

Wieso? – Darauf gab es nur unbefriedigende Antworten. Die Italiener sind zu nahe an der eignen Wirklichkeit, um wichtige Zusammenhänge zu erkennen.

Der Auftritt der Reichen

Im Trans-Europa-Expreß Milano–Lyon. Der Zug ist besetzt. Wer Geschäfte in Turin zu besorgen hat, benutzt ihn. Mir gegenüber ein Amerikaner, Professor der Soziologie an der Columbia Universität. Neben uns, auf der anderen Seite des Gangs, vier vorbestellte Plätze, ein paar Minuten vor Abgang des Zuges noch frei. Über den Lautsprecher die Aufforderung, einzusteigen.