Martin Niemöller, der standhafte Streiter, hat auch mit seiner jüngsten kritischen Bilanz Bonner Politik seine Kritiker gefunden – maßvolle, wie seine Amtsbrüder Lilie und Scharf, wütende, wie Franz Josef Strauß. Der frühere hessen-nassauische Kirchenpräsident hatte den herrschenden Parteien vor allem zwei Vorwürfe gemacht: Sie übten ein „diktatorisches Regiment“ aus, indem sie den Wähler für dumm verkauften, und sie betrieben eine „Demokratie ohne Opposition“, die in „Korruption enden“ müsse und in einer Diktatur, bei der „Hitler ein Waisenknabe sein wird im Vergleich zu dem, was dann kommt“. Niemöllers düstere Prognose endete mit dem Satz: „Man wird im Augenblick nichts anderes tun können, als durch eine große Wahlbeteiligung und Abgabe deutlich, und mit Angabe der Gründe versehener, ungültig gemachter Stimmzettel den politischen Machthabern klarzumachen, daß wir Frieden wollen und in dieser Hinsicht zu den heute wählbaren Parteien keinerlei Vertrauen haben.“

So unsachlich die eine oder andere Bemerkung des Kirchenmannes auch sein mag, der sich durch Zorn und Sorge oft genug zu Übertreibungen hinreißen läßt – größeres Ärgernis muß doch die Form der Entgegnung erregen, zu der sich Strauß verstieg. Niemöller, so polterte der CSU-Vorsitzende, betreibe „Sabotage“ an der Demokratie, er behalte die „destruktive Rolle“ bei, die er sowohl in der Weimarer Republik als auch nach 1945 gespielt habe.

Abgesehen davon, daß Martin Niemöller in den Jahren zwischen 1918 bis 1933 überhaupt keine „Rolle spielte“ – er arbeitete erst in der Landwirtschaft, studierte dann Theologie und wurde 1924 Pastor –, wäre es wohl angemessener gewesen, sich mit den Thesen eines so integeren Verfechters freiheitlicher Demokratie in sachlichem Ton auseinanderzusetzen. Etwa mit der nun wirklich unhaltbaren Behauptung, wir näherten uns einer Diktatur, die schlimmer werden könnte als jene, die Auschwitz hervorbrachte. Auf diesem Feld zumal hätte der Streit ausgetragen werden müssen, fair und mit der gebührenden Achtung vor einem Mann, der sich der braunen Tyrannei tapfer widersetzte und der es wohl verdient, als unerschrockener Mahner vor politischer Gleichgültigkeit anerkannt zu werden.

Doch Franz Josef Strauß gab sich wieder einmal als unbeherrschter Polemiker. Niemöller antwortete ihm: „Wenn Herr Strauß mich loben würde, wäre mir dies ein ernsthaftes Problem ... Wer und was vernünftig ist, das ließe ich mir von manchem anderen wohl sagen, aber nicht ausgerechnet von Herrn Strauß.“

Wer wollte da Martin Niemöller widersprechen? D. St.