Zu Neujahr blies ein kühler Wind über den Atlantik. Korrespondentenberichte aus Washington verursachten in Bonner Amtsstuben einige Aufregung. Amerika, so hieß es, wolle mit den Sowjets erst dann über Deutschland reden, wenn sich die Westmächte und die Bundesrepublik vorher über ein Verhandlungsprogramm einigten. Die Sowjets würden, wissen wollen, wie die deutschen Grenzen aussehen sollen, wie die europäische Sicherheit nach einer Wiedervereinigung beschaffen ist, ob entmilitarisierte Zonen in Mitteleuropa möglich sind usw.

Die Informationen stammten aus einem Silvestergespräch mit US-Außenminister Dean Rusk. Also ein Wandel in der US-Politik? Hatte nicht Rusk noch bei der Pariser NATO-Ratstagung den Bonner Wunsch nach eher neuen Initiative gutgeheißen? Freilich hatte Bundesaußenminister Schröder diese Initiative, zu der er von seinen Parteifreunden und -feinden gedrängt wurde, als einen „prozeduralen Test“ ausgegeben. Den Sowjets sollte kein Programm angeboten, sondern nur die Frage gestellt werden, ob sie sich an einer ständigen Deutschland-Konferenz der vier Großmächte beteiligen würden. Schröder rechnete mit einem „Nein“, manche andere! mögen es, eingedenk des Wahlkampf es, erhofft haben.

Die Bundesregierung ließ sich auch von den USA nicht aus ihrer Reserve locken. Sie erklärte lediglich, ihre Vorschläge zur deutschen Frage lägen schon seit August 1963 beim Botschafter-Lenkungsausschuß in Washington. Schon damals habe sie das deutsche Problem mit Fragen der europäischen Sicherheit und der Rüstungskontrollen gekoppelt. Warum dann aber die USA überhaupt neue Vorschläge begehrt, wurde in Bonn nicht verraten.

Es ist, kein Geheimnis, daß die Vorstellungen der Westmächte schwer auf einen Nenner zu bringen sind. Die Labour-Regierung würde irgendeine Art von Disengagement in Mitteleuropa begrüßen, die Franzosen hingegen wünschen ein möglichst dichtes militärisches Vorfeld zwischen Rhein und Elbe. De Gaulle hat die Oder-Neiße-Grenze mehr oder weniger deutlich anerkannt.

Die Bundesregierung will nicht schon vor Beginn von Verhandlungen sagen, zu welchen Gebietsopfern sie bereit sei. Sonst würden die Sowjets einen solchen Verzicht als Mindestangebot behandeln, ohne eine Gegenleistung zu bieten. Die USA haben einen öffentlichen, vorzeitigen Gebietsverzicht auch gar nicht verlangt, sondern nur für den internen Bereich Klarheit über die deutschen Pläne gewünscht.

Vorerst waren aus Bonn nur Deklamationen zu vernehmen. Geschäftsführender CDU-Vorsitzender Dufhues: „Unruhe in der Frage der Wiedervereinigung ist des Deutschen erste Bürgerpflicht.“ CDU/CSU-Fraktionschef Barzel: „Wir sind zu vielem bereit.“ Die FDP: „Wir brauchen jetzt eine Initiative.“ Willy Brandt war vorsichtiger: „Große Schritte sind uns lieber als kleine, aber kleine Schritte sind besser als keine.“ Dafür mußte er sich von Barzel „gesamtdeutsche Kleinmütigkeit“ bescheinigen lassen.