Die Metamorphose des Picaro oder des französischen Film-Regisseurs Philippe de Broca Weg zum Erfolg

Von Peter M. Ladiges

Antoine (Pierre Cassel in: „Un Monsieur de Compagnie“, zu deutsch: „Ich war eine männliche Sexbombe“, Regie: Philippe de Broca) ist ein durchaus negativer Held. Er schlägt sich durch, mal schlecht, mal gut, und hat kein anderes Ziel, als die allernächste Zukunft möglichst leicht und möglichst angenehm zu überstehen.

Antoine ist Waise, unabhängig in jeder Beziehung, und was sein reicher Großvater (materielle Erbschaftsbilanz gleich Null) ihm allein vermachte, waren einige Maximen über die Annehmlichkeit des Lebens ohne Arbeit, zum Beispiel: „Alles, was göttlich ist, geschieht ohne Anstrengung (Äschylus).“ Aber Antoines Tage und Nächte sind nicht ohne Anstrengung. Er ist stets bereit, anderen zu gefallen (vor allem den Frauen), ist unermüdlich in Bewegung und kennt keinen Müßiggang. Nicht arbeiten bedeutet für ihn nur: nicht arbeiten im bürgerlichen Sinn. Sein Verhalten ist asozial, nicht nachlässig. Er lebt zwischen den Fugen der Gesellschaft: der Typus des Picaro, der vom Lazarillo de Tormez bis zum Felix Krull dem europäischen Traum von der Sicherheit bürgerlicher Existenz die Unsicherheit des Schicksals entgegenhält. Und wie der – Picaro, nicht erst seit Grimmelshausen, um seine Abenteuer zu beschließen, sich endlich von der Welt zurückzieht, so findet Antoine zum Schluß sich in die Liebe und damit zugleich in den normalen Arbeitsprozeß.

So viele Parallelen sich allerdings in der äußeren Erscheinungsform zur Picaro-Figur ziehen ließen, so weit ist Antoine – ebenso wie von seinen Vorbildern im Film – durch seine innere Motivierung von seinen literarischen Vorgängern getrennt. Während jene durch die Welt in ihre Haltung von Amoralität und List gezwungen werden, weil die Verhältnisse nun einmal nicht so sind, die Ursachen also in der Gesellschaft liegen, liegt bei Antoine die Ursache in ihm selbst. Während jene in jeder Geste die Utopie des ganz anderen ahnen lassen, paßt sich der Monsieur de Compagnie an die Gegebenheiten an. Daß er die Form seiner Anpassung jedesmal überzieht, hebt sie noch nicht ironisch auf. Er hat die Regeln begriffen und benutzt sie und nutzt so die anderen aus. Der Picaro ist immer der Geschlagene, Antoine nie. Charakteristisch, dafür sind zwei Szenen.

Antoine betätigt sich mit einem Freund als Straßenphotograph. Er knipst ein Paar, das ein Hotel verläßt, und bekommt 10 000 Francs, damit er den Film zerstört. Sein Freund ahmt ihn nach. Aber die Reaktion fällt anders aus: Er bekommt Schläge. Die Mechanik des Vorgangs führt zu einer Straßenschlacht, der Antoine einen Augenblick lang lächelnd zusieht, und dann zieht er sich zurück. Ebenso gegen Ende des Films: Eine reiche Gesellschaft sitzt gelangweilt beisammen und gibt vor zu feiern. Antoine zeigt ihnen, wie man das wirklich macht, entfesselt ein Handgemenge, sieht einen Augenblick zu und zieht, sich zurück. Nie ist Antoine, wie Chaplin oder Keaton, Objekt des Geschehens, er setzt immer, nur in Gang und bleibt selber ungeschoren. Die Regeln kennen und sich nie engagieren, das ist die Moral Antoines. „Un Monsieur de Compagnie“, boshaft könnte man diesen Ausdruck als „Mitläufer“ übersetzen.

Daß Antoine die Früchte seiner Erfolge nicht genießen kann, liegt weniger daran, daß die anderen ihn in ein normales und damit arbeitsames Leben zurückführen wollen, als daran, daß er gar nicht zu genießen versteht. Ihm fehlt Gelassenheit. Zwar ist Arbeit sein großer Schrecken, und er flieht, wo immer dieses Gespenst am Horizont auftaucht. Aber auf seinem Höhepunkt, als ihn der Milliardär „Onassis“ Sokrates als seinesgleichen akzeptiert, hätte er wirklich die Chance gehabt, andere für sich arbeiten zu lassen. Antoine jedoch ist, fast wie ein Roboter, seiner eigenen Art von Betriebsamkeit so verhaftet, daß er ständig weitermachen muß und dann innerlich konsequent in sein Gegenbild umkippt: den Arbeitsroboter an einer Stahlpresse.