Als kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in Amerika die Übersetzung des Romans „Demian“ von Hermann Hesse erschien, schickte Thomas Mann dem Buch seines Freundes ein Vorwort voraus. Darin fand man folgenden Satz: „Heute, wo der nationale Individualismus im Sterben liegt, wo vom bloß Nationalen her kein einziges Problem mehr zu lösen ist, wo alles Vaterländische provinzielle Stickluft geworden und kein Geist mehr in Betracht kommt, der nicht die europäische Tradition als Ganzes repräsentiert – wenn dann nationale ‚Echtheit‘, das volksmäßig Charakteristische, überhaupt noch ein Wert ist (und ein pittoresker Wert mag es bleiben) –, kommt es nicht aufs Meinen und Schreien an, sondern aufs Sein und Tun.“

Daß Thomas Mann ein überragend politischer Geist war, geht aus diesem Satz hervor, den er in einem Augenblick niederschrieb, in dem zwar der deutsche Nationalismus niedergerungen war, jedoch von Mächten niedergerungen, die ihrerseits von nationalen Impulsen erfüllt waren, wie dies in Kriegen auf allen Seiten der Front stets der Fall und übrigens ganz natürlich ist. In diesem Augenblick also stellte Thomas Mann in seiner Manier fest, nämlich in Nebensätzen (so, als sei dies altbekannt und jedem klar), daß der nationale Individualismus im Sterben liege und alles Vaterländische provinzielle Stickluft geworden sei. Übrigens steht in demselben Aufsatz noch der Satz: „In Deutschland zumal waren die mit dem Deutschtum Unzufriedenen noch immer die Deutschesten.“

Darf man sicher sein, daß Thomas Mann heute – fast zwanzig Jahre später – die gleichen Worte mit derselben Selbstverständlichkeit niederschriebe? Heute, da uns noch die Stimme de Gaulles im Ohre klingt, der in seiner Neujahrsansprache von „unserer Unabhängigkeit“ sprach? Er fügte hinzu: „Das bedeutet, daß unser Land, das niemanden beherrschen will, sein eigner Herr zu sein wünscht.“ Worauf er nicht verfehlte, Begriffe wie das „Supranationale“ und „Integration“ und „Atlantismus“ in leicht ironischem Tone abzutun.

Thomas Mann würde wohl über so viel „nationale Echtheit“, die er einen „pittoresken Wert“ nannte, schmerzlich lächeln. Und vermutlich würde er jene Geister in Frankreich als die „französischsten“ rühmen, die damit am meisten unzufrieden sind und die nun den einen Trost haben, daß de Gaulle auch diesmal versprach, „die westeuropäische Union zu fördern“. Und Thomas Mann würde bei dieser Gelegenheit wiederum seine deutschen Landsleute scharf ins Auge fassen – voller Sorge, es könnten die „pittoresken Werte“ wieder einmal auch bei uns überhandnehmen und die „provinzielle Stickluft“ dicker werden. Symptome könnte er hie und da auch wirklich dafür schon beobachten. (Es handelt sich just um eine Anschauung oder besser: um einen Gefühlszustand, den man den „deutschen Gaullismus“ nennt.)

Apropos: Solch ein Wort eines großen Mannes im richtigen Moment anzutreffen, das nennt man einen Fund. Ich will ihn nicht für mich behalten, da doch schon der Witz aus Kalau sagt, man solle mit seinem Fund wuchern...