Von Gerhard Ziegler

Frankfurt/ Main

Der 32jährige Alfons Schrader ist ohne Zweifel ein vielseitiger Mann; zumindest hat er sich schon in manchem Beruf geübt. Das Amtsgericht Tiergarten in Berlin adressierte seinen Strafbefehl an den Kaufmann Alfons Maria Hubert Schräder, der Betriebspaß Nummer 1013 der amerikanischen Armee in Europa enthält den beruflichen Vermerk „Kraftfahrer“, und zuletzt war er Hausmeister in einem amerikanischen Offiziersheim in Kronberg im Taunus. Genauso vielseitig und hintergründig ist die Geschichte, die Alfons Schrader heute erzählt. „Alles erlogen“, winken die Amerikaner ab, wenn man sie nach dem abenteuerlichen Bericht fragt, den jetzt der nunmehr ehemalige Hausmeister über seine Erlebnisse während der letzten Monate gibt.

„Es stimmt kein Wort davon“, sagen die CIC-Beamten im Camp King in Oberursel. Und wenn man sie danach fragt, warum sie nicht gegen einen gekündigten Angestellten der amerikanischen Streitkräfte strafrechtlich vorgehen, der eine Geschichte erzählt, in der der US-Nachrichtendienst – der Wahrheit zuwider, wie sie sagen – eine recht zweifelhafte Rolle spielt, dann bekommt man zur Anwort: „Mit diesem Mann wollen wir nichts mehr zu tun haben.“ Das sagen sie so nachdrücklich und dreimal hintereinander, daß man den Eindruck gewinnt, als wollten sie sich mit dem einen kurzen Satz ihren ganzen Ärger von der Seele reden.

Dabei fand man durchaus den Weg zur deutschen Justiz, als die Unannehmlichkeiten begannen, für deren Wahrheitsgehalt Schrader versichert, voll einzustehen, und von denen die Amerikaner behaupten, sie stimmten hinten und vorn nicht. Unbestritten von beiden Seiten ist immerhin der Anfang dieser ganzen Affäre: Am 20. August 1964 entwendete Schrader aus dem Zimmer des US-Leutnants Graham, der im Urlaub war, ein Blankoformular aus dessen Scheckheft. Mit einer gefälschten Unterschrift versehen wurde der Scheck in Höhe von 850 DM bei der Volksbank in Kronberg eingelöst. Dafür bietet Schräder heute eine Erklärung an, die nur schwer mit den üblichen Begriffen eines soliden Geschäftsgebarens in Einklang zu bringen ist: Er habe mit seinem amerikanischen Arbeitgeber viel Ärger gehabt; sich von ihm zu trennen, mußte jedoch sehr kostpielig sein, da er als Hausmeister eine Dienstwohnung hatte und deshalb gleichzeitig mit einer Kündigung auch eine neue Bleibe zu beschaffen war. „Um in den Besitz einer Wohnung zu kommen, benötigt man Geld. Dieses Geld kann man, aus eigener Erfahrung, wenn man Glück hat, in einem Spielkasino gewinnen.“

So geschah es auch. Mit dem Erfolg, daß Schräder zwar nicht in eine neue, von der Spielbank finanzierte Wohnung einzog, sondern zur Vernehmung beim CIC landete. Dort, so erzählt Schräder nun, sei ihm versprochen worden, über die ganze Sache Gras wachsen zu lassen, wenn er „Kontakte mit ostzonalen Behörden aufnehmen“ würde. In seiner nicht sehr rosigen Lage habe er sich dazu überreden lassen. Aktueller amerikanischer Kommentar dazu: Keine Rede davon. Doch Schräder bleibt auch heute dabei: Im Camp King in Oberursel sei ihm das Café Budapest in der Ostberliner Frankfurter Straße als außerordentlich geeignet für die Aufnahme von Kontakten empfohlen worden.

In dem Protokoll, das Schrader – für den Hausgebrauch – über seine Berliner Erlebnisse anfertigte, liest sich das so: Bei einer Konzertveranstaltung ergab sich die erste Kontaktaufnahme. Ich kam mit Offizieren ins Gespräch, als ich an der Bundesrepublik kein gutes Haar mehr ließ. Gegen Abend habe ich mich verabschiedet und wir verabredeten einen neuen Termin für den übernächsten Tag. Wir wollten uns im S-Bahnhof Friedrichstraße treffen. Kurze Zeit später saß ich dann, wie mit meinen amerikanischen Auftraggebern verabredet, zur Berichterstattung in einer Villa in Zehlendorf. Man war sehr freundlich, gab mir eine Telefonnummer und die Anweisung, mich weiter zu bemühen.