So viele Wege nach Rom führen, so viele Wege führen in Italien auch zu Ruhm und Macht: Giuseppe Saragat, erzogen von einem Vater der aus der Kirche ausgetreten war, ein Sozialist, der mit den 250 Stimmen der Kommunisten in das Amt des italienischen Staatspräsidenten gewählt wurde – er ist nun der erste Bürger der Ewigen Stadt und amtiert im Schatten des Petersdomes.

Für die Italiener freilich ist nichts Verwunderliches daran. Sie sehen keinen Widerspruch zwischen dem höfischen Gepränge des ehemaligen Savoyen-Palastes und dem neuen Hausherren, der ein Leben lang an der Frontlinie zwischen dem revolutionären Marxismus und dem demokratischen Freiheitsidealismus stand und den eines stets ausgezeichnet hat: intellektuelle Ehrlichkeit und Ablehnung aller Demagogie.

Gern schenken die Italiener – erleichtert, daß die unrühmlichen Vorgänge bei den 21 Wahlgängen im großen Sitzungssaal des Palazzo Montecitario doch noch ein so befriedigendes Ende nahmen – dem Versprechen Saragats Glauben, daß er in seiner ersten Botschaft an das Parlament ablegte: als Staatspräsident werde er der oberste Moderator der Parteien und der Wächter der demokratischen Institutionen sein. Die Bedenken stellen sich erst bei der Frage ein, ob es ihm gelingen wird, solch hochgesteckte Ziele auch zu erreichen. Das italienische Wahldrama der Weihnachtstage zeigte nämlich nicht nur die Differenzen in der Democrazia Cristiana auf, sondern enthüllte auch den tiefgreifenden Zwist unter den Regierungsparteien der „linken Mitte“, also zwischen der DC, den Republikanern, Sozialdemokraten und Nenni-Sozialisten, die untereinander und miteinander verfeindet sind.

Gewählt wurde der beste Mann. Doch wie es Giuseppe Saragat, einem der Geburtshelfer der Apertura a sinistra, gelingen soll, den drohenden Zerfall der römischen Regierungskoalition der „ungleichen Brüder“ aufzuhalten, wie er verhindern will, daß sich die in fünf Fraktionen aufgespaltene Front der DC wieder schließt – das steht noch in den Sternen. Dabei sind ihm nicht so sehr die Kommunisten im Wege, ohne deren Hilfe er nicht zum Nachfolger Segnis erkoren worden wäre. Ihr Zuspruch schadet seinem Ansehen, seiner Glaubwürdigkeit kaum. Eher sind es seine Neider in den Reihen der Christlichen Demokraten, mit den ehemaligen Ministerpräsidenten Fanfani und Scelba an der Spitze, die seinen Versuch, die Koalition der „linken Mitte“ fortzusetzen, hintertreiben werden.

Fast ein Drittel des DC-Funktionärsapparates und der Parteianhänger, die der „vorsichtigen Ehe“ mit den Sozialisten stets mißtraut haben, verweigerten ihm bei der Abstimmung die Gefolgschaft und standen gegen ihre eigene Führung auf. Sie sind es auch, die sich seinen Bemühungen, zu retten was zu retten ist, widersetzen werden. Italiens neuer Staatspräsident steht auf so schwankendem Boden wie noch keiner seiner Vorgänger.

Nun ist Saragat gewiß nicht der Mann, der ein Rennen schnell aufgibt. Schon sprichwörtlich ist seine Zähigkeit, an der einmal gewählten Maxime festzuhalten. So wie er einmal sagte: „Die Formel der linken Mitte ist eine Formel des Mutes“, so wird er auch mit dem Mut eines Löwens für sie kämpfen. Zudem ist ihm bei aller Grundsatzfestigkeit jene Wendigkeit eigen, jenes Geschick, in schwierigen, fast ausweglosen Situationen als Politiker das Beste aus einer Sache zu machen. Was Pietro Nenni einmal vor zwanzig Jahren abwertend von ihm sagte, hat sich in jüngster Zeit jedenfalls nicht bestätigt: „Er ist der Beste von uns. Zieht ihn immer zu Rate, aber laßt ihn keine Entscheidungen treffen.“

Ein Salonsozialist ist Giuseppe Saragat niemals gewesen. Er entstammt einer sardischen Advokatenfamilie, die nach Turin übergesiedelt war, wo sein Vater Verfasser vielgelesener Gerichtssaalnotizen gewesen ist. Im März 1923 trat der junge Saragat aus Protest gegen die beginnende faschistische Unterdrückung in die Sozialistische Partei ein, als deren Wunderkind er bald galt. Schon im Oktober des gleichen Jahres war er auf der Seite der Reformer, die nach der Spaltung die Sozialistische Einheitspartei gründeten. Seither war Saragat immer dort zu finden, wo sich Sozialisten lösten und neu formierten. Lange, drangvolle Jahre in der Emigration und in deutscher Gefangenschaft, eine waghalsige Flucht, aus dem römischen Gefängnis, seine verborgene Tätigkeit im Widerstand – das alles trug dazu bei, ihn zum Modell eines kämpferischen Sozialisten zu machen.