Von Peter Demetz

Fontane ruft Glanz und Misere seines Jahrhunderts scharf ins Gedächtnis zurück, aber wer ist bereit, ihn ganz, ohne zu zögern, anzuhören; auch das Unbequeme, Zwiespältige, Bittere? Gottfried Benn irrte, als er über „das Pläsierliche“ Fontanes klagte; seit Jahrzehnten war man ja daran, Konturen zu sänftigen, Legenden zu spinnen, Klischees zu erhärten: den milden Blick, das Bild des lächelnden Flaneurs, ach, und wie der abgeklärte Weise zu plaudern verstand!

Mit seiner Familie begann’s, die seine Briefe zensierte; mit den Berliner Professoren ging’s fort, die ihn ganz und gar als Lokalpatrioten rühmten (ein märkischer Peter Rosegger; der hätte ihnen gepaßt); wie eh und je schleppt sich das durch die Kommentare fort, als ob er nicht einer gewesen wäre, den nur ein einziger Schritt, eine einzige Grenze seines Talentes davon trennte, der Deutschen Turgenjew oder Henry James zu sein. Er klagte, mit Recht, über die Kunstfremdheit seiner Nation, fühlte sich als Poet mißverstanden: „Wer nicht Künstler ist, dreht natürlich den Spieß um und betont Anschauung, Gesinnung, Tendenz.“ Er hätte, auf viele seiner Kritiker blickend, noch immer Grund zu ähnlicher Klage; man ist nicht müde geworden, ihn zu distanzieren, zu „entkräften“, ihn zu einer schönen Ausnahme zu erklären – als ob nicht die anderen, die gesegnet hartnäckig Provinziellen, wie Stifter und Raabe, die wirkliche Ausnahme wären und er die kosmopolitische, die europäische Regel.

Wie lange sind wir darüber belehrt worden, daß die Fontanes eigentlich aus der Fremde kamen, Zugereiste waren, so ganz anders als die Einheimischen? „Vater Gascogner, Mutter aus den Cevennen“, heißt es noch in Wilperts „Lexikon der Weltliteratur“, als ob es nicht der Urahn gewesen, der gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts eingewandert war; als ob (wenn man schon Sippenforschung betreiben wollte) die eine Großmutter nicht eine schlichte Deubel aus Westfalen, die andere eine Mumme aus Berlin gewesen wäre.

Nun gut, wir wissen also, daß sich um 1308 unter den Toulouser Ratsherren der Rektor Louis Fontanes befand – ganz irrelevant für unsere Kenntnis des deutschen Uruienkels? Mitnichten: in seinen Adern fließt ja, so berichtet man uns noch immer, ein gut Teil „romanischen“ oder „französischen“ Bluts (man erlasse mir, den Namen des erlauchten Fontanisten zu nennen, der diese Erkenntnisse im Vorwort zur Ausgabe des Sigbert Mohn Verlages neuerlich expliziert); was ist natürlicher, als daß er „plaudert“ und nicht, wie die Dichter deutschen Bluts, in den Tiefen ringt?

Das rassenkundliche Klischee vom Gascogner Fontane (im Grunde verstaubter Taine) führt schnurstracks zu seiner Provinzialisierung: Aus dem besonderen Safte kommt seine besondere Kunst, die offenbar nicht ihresgleichen hat. Oder doch, sobald man sich entschließt, über die deutschen Grenzen zu blicken? Den Rassen- und Ahnenforschern sei empfohlen, einen einzigen Band Jane Austen oder Thackeray zu lesen, anstatt Stammbäume zu kompilieren; da wär’s gleich offenbar, woher Fontanes Plaudereien kommen. „Französisches Blut“ oder englische Romankonventionen, das ist hier die Frage.

Dennoch, Fontane war ein Außenseiter, und er wußte es; nicht seines Blutes willen (Französisch mußte er ja erst lernen, als er ins okkupierte Frankreich fuhr), sondern weil er, als armseliger Apotheker und Praktikus in dem gebildeten Kreis der Kommerzienräte, Ministerialbeamten und Reserveoffiziere, keinerlei gesellschaftliche Legitimation besaß. Er war und blieb Autodidakt, dem die Tyrannei des Akademisch-Griechischen über das Deutsche nicht den Blick verstellte. Er wuchs nicht, wie andere, mit Goethe, Homer, Schiller, Tasso und Vergil auf; sein Schulpforta war die Apotheke; die Militäranekdoten seines Vaters die Ilias; seine Bildung ruhte auf Konversationslexikon, Guckkastenbildern, Balladen, Walter Scott, Lenaus Polenliedern und Apothekerlatein, dessen der sechzehnjährige Lehrling bedurfte; um die schöne Innerlichkeit war’s nicht gut bestellt. Das war es aber auch, was dem Manne den freien und unbeschwerten Blick verlieh, die männliche Freiheit des Urteils, die von Klassik und Hegel unbeschränkte Einsicht; immerhin, wer von seinen akademischen Zeitgenossen (F. Th. Vischer ausgenommen) wußte Bedeutenderes zu sagen über den Realismus, über Zola, über George Eliot? „Es gibt nichts Auswendiggelerntes, nichts Schablonenhaftes in mir, ich bin ganz selbständig in Leben, Anschauungsart und halte mich deshalb für interessant und apart... Es geht mir mit meinem Wesen, Charakter und gesellschaftlichem Auftreten wie mit meinen Büchern; einige sind sehr davon eingenommen; aber die große, große Mehrheit läßt mich im Stich.“