Rolf Italiaander: Die neuen Männer Asiens; ECON Verlag, Düsseldorf; 445 S., 19,80 DM.

Nach Ansicht der meisten Europäer ist Europa nach wie vor das politische Zentrum der Erde, bestimmt das Schicksal Europas nach wie vor das politische Schicksal der Welt, ist der Eiserne Vorhang zwischen Lübeck und Triest, der Europa in zwei Teile teilt, nach wie vor der Welt gefährlichster Krisenherd.

Aber auch der überzeugteste Europäer kann sich nicht länger der Tatsache verschließen, daß die übrigen Kontinente einen ständig wachsenden Einfluß auf das politische Geschehen gewinnen. So sind die gefährlichen Krisen der letzten Jahre nicht im geteilten Europa entstanden, sondern in Südostasien, in Zentralafrika, in der Karibischen See. Und angesichts des „atomaren Patt“ zwischen den beiden großen Machtblöcken wird die politische Haltung der asiatischen, afrikanischen und lateinamerikanischen Staaten auch für Europa immer bedeutungsvoller.

Wer regiert nun diese Staaten? Wer bestimmt, was in Indien, im Kongo, in Brasilien geschieht? Wo wurden die Männer erzogen, die heute an der Spitze dieser Staaten stehen? Sind sie Arbeiter oder Aristokraten, Intellektuelle oder Offiziere? Sind sie eitel oder empfindlich oder großmütig oder verschlagen? Wie hat der Westen, wie hat der Osten sie behandelt?

Diese Fragen entspringen nicht müßiger Neugier. Denn einmal tauchen die Namen zum mindesten einiger dieser Männer fast jede Woche in den Schlagzeilen der Zeitungen auf. Und eine gewisse Kenntnis von der Person ist vielfach geradezu Voraussetzung für das Verständnis des Geschehens.

Wichtiger aber ist noch ein anderes Moment. Die politische Haltung der jungen Staaten, vor allem Asiens und Afrikas, wird in viel stärkerem Maße von den Männern bestimmt, die sie regieren, als dies etwa in Europa der Fall ist. Die meisten europäischen Staaten haben eine einigermaßen festgefügte politische Form, die dem jeweiligen Regierungschef nur eine sehr begrenzte Möglichkeit gibt, politische Entscheidungen zu treffen. Die politische Form der jungen Staaten Asiens und Afrikas dagegen ist vielfach noch locker und flexibel, und die Männer, die sie regieren, haben daher eine größere politische Handlungsfreiheit. Ägypten und Indonesien, Ghana und Pakistan, Kuba und Argentinien sind Beispiele dafür.

Rolf Italiaander hat vor einigen Jahren der deutschen Öffentlichkeit die Männer vorgestellt, die Afrika regieren. Sein neues Buch schildert die Männer, die das Schicksal Asiens bestimmen. Und dies ist fast noch wichtiger. Afrika beschäftigt die Weltöffentlichkeit zwar seit einigen Jahren wie kaum ein anderer Kontinent; aber das liegt an der dramatischen politischen Entwicklung, die dort vor sich ging. Der wichtigste jener drei großen Kontinente, die bisher im Schatten lagen, ist jedoch Asien, nicht nur weil hier über die Hälfte der Menschheit lebt, sondern weil Asien ähnlich wie Europa in zwei Lager zerfällt, und weil die Führungsmächte dieser beiden Lager, Indien und China, um die Vormachtstellung in der „Dritten Welt“ ringen, die heute das Gleichgewicht zwischen den beiden Blöcken hält.