Das Jahr klang aus, und Thilo Koch zog die Bilanz. Filme wurden gesichtet, man schnitt und verwarf; Zelluloid-Kilometer schrumpften zusammen, lange Sequenzen gerannen zu einem einzigen Bild; an die Stelle der Berichte trat das Resumé. Die Augenblicks-Erzählung sah sich durch die Abstraktion verdrängt; wer „es war einmal“ sagt, kann Aufwand und Resultat miteinander vergleichen, das Ergebnis steht fest: Es bleibt zu zeigen, wie es dazu kam. Koch arbeitete sachlich und fair, ließ die Tatsachen sprechen und hielt, ein nüchterner Historiker, mit Prognosen und Spekulationen hinter dem Berg.

An einer mächtigen Tafel hingen die Photos, die, sobald der Kommentator zurücktrat, sich zu bewegen anfingen: Tschombés Hände begannen zu zittern, das Beton-Lächeln zuckte, eine Grimasse zeigte die Aspekte des Triumphs, der Reigen wurde eröffnet, das neunzehnte und das einundzwanzigste Jahrhundert begegneten einander. Man sah die Geister-Maschinerie des strategischen Bomberkommandos und das Glas-Stahl-Arsenal einer vom Gesetz der Automation geprägten Zeit, man sah im gleichen Augenblick das Zeremoniell der Metternich-Aera.

Manager bewegten sich im steifen Pas des Protokolls, ein Caesar redivivus malte den brasilianischen Arbeitslosen, mit ausgebreiteten Armen, das V-Mal des Sieges in die Luft. Die Königin fuhr hinter der Schimmel-Armada bis zum Haus des Parlaments, bestieg ihren Thron und sprach, während ein Mr. Wilson auf seinem bescheidenen Platz saß, in freundlichem Englisch sozialistische Sätze.

Konstantin und Ingrid, Zahn und Kilius vereinten sich am Traualtar, das Volk, auf Spiele und glanzvolle Repräsentationen versessen, gab seinen Segen dazu. Der Alltag war nüchtern, man wollte die Könige sehen ... Gottlob, daß das Charisma sich in so vielerlei Gestalt manifestierte: „I am the king of the world“ schrie ein Mann namens Clay – auch er ein kleiner Caesar, der seine Arme zu nutzen verstand.

„Zurück zur Wirklichkeit“ rief Thilo Koch und zeigte Regierungsbänke und Abgeordnetensitze ... doch der Betrachter fragte sich, ob nicht gerade das Miteinander von Märchentrauung und Ausschußdebatte, von Ancien Regime und Roboter-Zeit, von Lobby-Berechnung und Neonationalismus, von MLF und Balkankrise, von Berater-Stäben und vom Zeremoniell des Gesalbten... unsere Wirklichkeit sei. Auch 1964 winkten die Großen, starben die Kleinen. Ein Erzbischof hob seinen Stab, auf einem Kreuz stand Hasan Mula Mustafa.

Auch 1964 besorgten Söldner das schmutzige Geschäft ihrer schmutzigen Herren: Das schwarze Kreuz der Preußenkönige im afrikanischen Busch, das EK I am Hemd des Tschombé-Condottiere mit dem Brandmal von einst ... selbst dieser Anachronismus paßte zum Bild eines Jahres, das aus dem Vorgestern so gut wie aus dem Übermorgen bestand.

Will man Münchs „Hallo Nachbarn“ glauben, dann steht übrigens in Kürze ein Wiedersehen mit den Kongo-Legionären bevor. In einem gespenstischen Akt, einer weihnachtlichen Genre-Szene im Busch, präsentierte ein Söldner, der sich anno 45 für tot erklären ließ, seinen Flugschein nach Deutschland. Er hatte für den 8. Mai 1965, den Tag der Mord-Verjährung, gebucht.