Michael Serafian: Der Pilger oder (wie die deutsche Ausgabe hinzufügt) Konzil und Kirche vor der Entscheidung; rororo aktuell, Reinbek; 220 Seiten, 2,20 DM.

Wenn ein Bundesrichter der öffentlichen Meinung unter einem Pseudonym den Spiegel vorhält, muß er in den Ruhestand treten. Wir finden, das ist recht und billig. Ein frommer amerikanischer Diplomat, der ein von Besorgnis erregtes und Besorgnis erregendes Buch über die mißliche Lage der römisch-katholischen Kirche schreibt, traut sich nicht, seinen Namen zu nennen. Damit unterstellt er, brave Leute wie er würden in dieser römischen Kirche in Acht und Bann getan, weil sie die Wahrheit sagen... sofern sie die Wahrheit sagen. Und weil er Diplomat ist, weiß er wohl, daß nicht die Lüge, sondern die halbe der ganzen Wahrheit am ärgsten widerspricht, und deshalb hat er sich einen falschen Namen ausgesucht, bei dem man geradezu die Fittiche des Erzengels rauschen hört und erschrocken alle kritischen Zweifel fallen läßt.

In der Tat, rätselhaft, engelhaft und übernatürlich sind die Informationen, die er mitteilt; ein armer Sterblicher, wie unsereiner, kann sie kaum nachprüfen. Soweit er’s vermag, muß er zugeben, daß die Tatsachen ihnen entsprechen – nicht nur zu jenen fünfzig Prozent, die einem New Yorker Rezensenten, wie der Verlag auf dem Deckblatt vermerkt hat, ausreichend erschienen, voraussagen zu können, daß dieses „Zweite Vatikanische Konzil als Tragödie enden“ wird. Leider gibt es noch Schlimmeres zu berichten, ohne daß man deswegen an Kirche und Konzil verzweifeln müßte.

Denn beide haben noch andere Dimensionen, als dieser seraphische Beobachter zu erkennen vermag. Merkwürdigerweise hat er, ein leidenschaftlicher Gegner der intriganten Reaktionäre in der Kurie, seine geheimnisvollen Abhöranlagen just in den Schreibtischen dieser römischen Querköpfe untergebracht. Von den Ideen, Plänen und von der Strategie seiner Freunde, der wackeren Progressisten, weiß er kaum etwas zu berichten. Nicht einmal der tapferste und älteste unter den frommen Füchsen, Augustin Kardinal Bea SJ, scheint dem Autor dieses Buches, der sein Loblied singt, ein paar freundliche Hinweise gegeben zu haben.

Wie schade, denn wie unschätzbar wertvoll wären ihm oder einem der anderen Konzilsväter die Dienste dieses Mannes gewesen, der so beneidenswert detailliert über die privaten Gespräche Ottavianis und die geheimsten Gedanken des Heiligen Vaters Bescheid weiß. Das Pseudonym ist unverantwortlich! Wie gut wäre es selbst für Papst Paul VI., einen Mann zur Hand zu haben, der so genau weiß, was man denkt, wenn man selbst nicht weiß, was man denken soll, geschweige denn, was man tun soll. Wie angenehm wäre es für ihn, der sich sehr wahrscheinlich als ein Hamlet auf dem Stuhle Petri empfindet, davon überzeugt zu werden, daß dem gar nicht so ist.

Sieh da, in der Verworrenheit der Situation hat man sich als Träger dieser überschweren Verantwortung ganz umsonst geängstigt – ein klares Konzept liegt vor: 1. im politischen Spiel der sich auflösenden Machtblöcke die dritte Macht bilden; 2. den römisch-zentralistischen Charakter der Kirche zu stabilisieren, um sodann eine Art Konföderation der Konfessionen und Religionen anzustreben. Dem Wehen des Heiligen Geistes und diesem Konzil ist deshalb so rasch wie möglich Einhalt zu gebieten, damit keine diplomatischen Komplikationen eintreten. Präzis auf den Tag wird man darüber aufgeklärt, wann die eigentliche, geistige Beerdigung des großen Johannes XXIII. und das Ende seines aggiornamento im November 1963 stattgefunden habe. Seither befinde sich „Paul“, wie der Papst vertraulich genannt wird, auf dem einsamen Pilgerweg „vom Gipfel der Finsternis“ hinab ins „Tal der Entscheidungen“, um dort die Ströme der Problematik durch solide Staustufen zu regulieren. Wie schwer ihm das fallen wird, wird ihm aus der Analyse seiner Handschrift erklärt.

So aufs beste und intimste aufgeklärt und bestärkt, wird „Paul“ vielleicht den Mut aufbringen, seinem seraphischen Ratgeber auch seinerseits einige Bitten vorzutragen, schüchtern, versteht sich, aber ein so eingefleischter Kleriker wie Montini wird’s nicht lassen können. Er wird ihn bitten, nicht nur die Hintertreppen der kirchlichen Diplomatie, sondern auch die öffentlichen Säle der kirchlichen Theologie, zum Beispiel die Konzilsaula im Petersdom der Aufmerksamkeit wert zu halten, nicht nur diskrete Protokolle, sondern auch öffentliche Verlautbarungen. Er wird ihn vielleicht auch darauf hinweisen, daß dieses Konzil nicht als gescheitert angesehen werden muß, wenn es über die Juden und die religiöse Freiheit nicht das rechte Wort finden kann, wie es ja auch nicht nur, was manche Journalisten meinen, die Fragen der Mischehen und der Babypillen klären muß. Mit dem scheuen Lächeln, das ihm so gut zu Gesicht steht, wird „Paul“ zu erkennen geben, daß er sich gegen kuriale Intrigen recht gut zur Wehr setzen kann, nur, aber doch auch ein erfahrener Diplomat. Er war lange genug Kurienbeamter, um sich so wenig wie die Konzilsväter ohne Mühe von den Macht-Technikern im Offizium überspielen zu lassen.