Sokrates gälte heute sicherlich als ungebildet, es sei denn, er dürfte sich Professor Doktor Sokrates nennen“ – mit dieser Anmerkung hatte der englische Professor Joseph Lauwerys gleich eine Frage versehen, die vor ein paar Jahren in Hamburg zum Gegenstand eines öffentlichen Gesprächs gemacht worden war. Sie lautete: „Was ist heute ein gebildeter Mensch?“ Er apostrophierte sie als ein Thema so recht nach deutscher Art. In England, so meinte Lauwerys, hätte diese Frage höchstens fünfzehn Leute angelockt – in Hamburg, drängten sich mehr, als dem Saal eigentlich zuträglich waren. Hier ein paar Formulierungen, die möglicherweise „den gebildeten Menschen“ deutlich werden lassen:

Lauwerys: Bei uns fragt man nicht, ob ein Mann gebildet oder ungebildet ist, sondern welche Schule er besucht hat. Wichtig ist vor allem jedoch, ob er ein Gentleman ist.

Professor Kahn (Frankreich): Man kann wenig wissen, und doch gebildet sein.

Professor Merck (Hamburg): Auch ein Professor kann ein ungebildeter Mensch sein, sofern für ihn links und rechts Wüste ist.

Professor Egemen (Türkei): Wissen ist Rohmaterial, das der gebildete Mensch zu eigenem Besitze verarbeitet.

Dr. Moschetti (Italien): Wir brauchen keine Humanisten, wir brauchen Techniker.

Lauwerys, noch einmal: Ein gebildeter Mensch, das ist jemand, der allein sein kann, ohne sich zu langweilen, und der niemanden langweilt, wenn er nicht allein ist.

Die gelehrten Herren einigten sich auf die folgende Definition: Der deutsche gebildete Mensch, der englische Gentleman, der amerikanische Educated Man, der französische Homme cultivé – sie alle sind Leute, die auf einem Gebiet Fachmann sind, die anderen und anderem gegenüber aufgeschlossen sind, die sich mit der Gegenwart auseinandersetzen, die kritisch sind, nachdenken und, schließlich, sich in ihrer Umwelt zu benehmen wissen.