Stück von Eugène Ionesco

Düsseldorfer Schauspielhaus

Seit dem „Mörder ohne Bezahlung“, seinem ersten abendfüllenden Schauspiel, hieß Ionescos monologisierender Held Behringer (Berenger). Viermal. In „Der König stirbt“ hieß er so zuletzt. Jetzt heißt er Hans (Jean) und ist der gleiche geblieben: szenischer Figurant eines Selbstgesprächs, in dem Ionesco über seine sich entwickelnden Erfahrungen mit der Welt reflektiert. Aus seinen Bewußtseinsinhalten versucht der französische Rumäne Dramen zu bauen. Es gelingen ihm jedoch nur Einakter, von denen bestenfalls zwei oder drei aneinandergereiht werden. Die Komposition der „Nashörner“, wo die Reihung kontrapunktisch verzahnt ist, hat der Autor bisher nicht wieder erreicht.

In „Hunger und Durst“ gibt es einen ersten und einen dritten Teil, die sich wie Pol und Gegenpol zueinander verhalten. Dort triumphiert auch Ionescos szenische Phantasie. Was als zweiter Teil dazwischengeschoben wurde, ist der Zoll an die übliche Abendlänge eines Stücks. Hier sinkt die Teilnahme des Zuschauers gefährlich ab.

Im ersten Teil, „Die Flucht“, beziehen Hans und Marie (Madeleine) mit ihrem Baby eine feuchte, verrottete Wohnung. Hans fürchtet, hier nach und nach buchstäblich in Schlamm zu versinken. Als allegorische Figuration abgelebter Vergangenheit, wie sie auch Hans bedroht, erscheint Tante Adelaide zu Besuch, Sie ist ein theatralisches Ionesco-Amalgam aus Giraudoux’ irrer „Gräfin“ von Chaillot und dem Pariser Grand Guigriol, nach dessen Muster sich Adelaide zum Beweis ihres blutvollen Lebens den Schädel spaltet. Mariens Trost und die Aussicht auf ein nestwarmes Familienleben können ihren Hans nicht halten. Er flieht, getrieben von unbändiger Sehnsucht nach „Freiheit“.

Welche Frau er im zweiten Teil auf lichter Bergeshöh vor dem verblasenen „Museum“ erwartet, bleibt unklar. Jedenfalls findet „Die Verabredung“ (so der Titel) keine Erfüllung. Den Schwerpunkt des Stücks bildet der dritte Teil: „Schwarze Messe in der guten Herberge.“ Nach fünfzehnjähriger Wanderschaft kehrt Hans, abgerissen, bei einer kafkaesken Kongregation von „Brüdern“ ein. Sie stillen ihm Hunger und Durst, unterhalten den Gast, dessen Welterfahrung durch ein Verhör getestet wird, auch mit einer Spezialität dieser Kloster-Kaserne: Zwei Brüder spielen als Theater auf dem Theater „Umerziehungserziehung“. Für einen Napf Suppe muß bei dieser Gehirnwäsche der engagierte Atheist „Brechtoll“ (!) das Vaterunser beten und der Christ Tripp seinem Gotte abschwören. Die Flucht des Individualisten Hans in seine persönliche „Freiheit“ endet in diesem raffiniertesten aller Kollektive.