Von Rolf Seelmann-Eggebert

Gaudeamus igitur sangen die Studenten; sie singen es wohl auch heute noch bisweilen: iuvenes dum sumus. Rundfunkredakteure greifen nach dem bewährten Band, wann immer von studentischen Angelegenheiten die Rede ist. Herzhafte Männerstimmen intonieren: Post iucundam iuventutem... Fröhlich sein, solange man jung ist? Ergötzliche Jugendzeit? Es ist erstaunlich, wenn nicht beängstigend, festzustellen, wie weit die Wirklichkeit des deutschen Studenten von seinem Image entfernt ist, das sich außerhalb der Universitäten und Hochsulen eingenistet hat. Zwar hat man im Verlauf langer Debatten über die Hochschulreform reichlich Gelegenheit gehabt, sich an Schlagworte wie „Vermassung“ und „Vereinsamung“ zu gewöhnen. Auch über Zimmersorgen und Geldnöte der Studenten ist man hinreichend informiert. Aber an dem in alter Burschenherrlichkeit verwurzelten Zerrbild hat das nur wenig zu ändern vermocht.

Einer der wichtigsten Gründe für diese beharrliche Fehleinschätzung ist vermutlich in der Tatsache zu sehen, daß in der Bundesrepublik – im Gegensatz vor allem zu den angelsächsischen Ländern – so gut wie keine Kenntnisse oder gar Daten verfügbar sind, die etwas über die Reaktion auf die seelischen Belastungen aussagen, denen Studenten heute ausgesetzt sind.

Natürlich wissen Psychiater und Psychologen von Einzelfällen zu berichten: Da ist zum Beispiel die in der akademischen Freiheit vereinsamte Studentin, die sich sogar zur Lektüre ihrer eigenen Bücher in den großen Lesesaal der Universitätsbibliothek flüchtet, weil sie zu Hause die „Budenangst“ überfällt, weil sie unter Menschen sein will. Da ist der Student, der sich, um dem Alleinsein zu entgehen, einer Verbindung angeschlossen hat und plötzlich merkt, daß er für gute Kameradschaft und mancherlei Zeitvertreib den bitteren Preis von zusätzlichen Semestern bezahlen muß. Da sind die Sechzehn-, Zwanzigsemestrigen, die sich aus Prüfungsangst – von den Psychiatern oft als Wiederbelebung alter Kindheitsneurosen erklärt – nicht zum Examen melden. Da sind die Selbstmordfälle, deren Zahl als „beträchtlich“ bezeichnet wird.

Genaue Kenntnisse und Daten fehlen, wie gesagt. Aber wenn man erfährt, daß in den verschiedenen Stellen, die sich – zumeist nur nebenbei – mit der psychotherapeutischen Beratung von Studenten befassen, vor allem den psychiatrischen Kliniken und den psychologischen Instituten, lange Wartelisten geführt werden, dann liegt der Schluß nicht fern, daß der Bedarf groß und die Möglichkeit zu helfen, zu klein ist. Denn einen Studenten, der sich einmal aufgerafft hat, eine psychotherapeutische Beratung in Anspruch zu nehmen, mit der Antwort bescheiden zu müssen: „Im Augenblick haben wir leider keinen Termin für Sie, kommen Sie in einem Dreivierteljahr wieder!“ – das ist ein, gelinde ausgedrückt, grotesker Zustand.

In diesem Zusammenhang hat der Direktor der Psychiatrischen Klinik und Polyklinik in Göttingen, Professor Dr. J. E. Meyer, seiner Universität jetzt die Einrichtung eines eigens für die psychotherapeutische Beratung und Behandlung von Studenten bestimmten Zentrums vorgeschlagen. In einem dem Senat der Universität vorgelegten Memorandum begründet er seinen Vorschlag:

„Zahlreiche Studenten befinden sich bei Beginn ihres Studiums noch in der Phase der Postpubertät. Sie sind seelisch besonders labil, weil die Persönlichkeitsreifung noch keineswegs abgeschlossen ist. In diese Zeit fällt die Notwendigkeit der Berufswahl und der Festlegung des Studienganges und des Studienzieles. Die für eine angemessene akademische Berufsberatung vorhandenen Einrichtungen genügen nicht oder werden nicht wahrgenommen. Gleiches gilt hinsichtlich einer Anleitung, für das Studium selbst. Die Zahl derjenigen, die in diesem Sektor von Berufswahl, Studienziel und der Bewältigung der selbständigen Aneignung des Wissensstoffes versagen, ist nur in groben Umrissen bekannt. Das Versagen äußert sich zum Beispiel in mehrfachem Wechsel der Fakultät oder des Studienfaches, in einer überhöhten Semesterzahl oder schließlich in einer Examensneurose.“