Heinz Karst: Das Bild des Soldaten, Versuch eines Umrisses; Harald Boldt Verlag, Boppard am Rhein; 372 Seiten, 16,– DM.

In dem Jahre, in dem der doppelte Bericht des

ehemaligen Wehrbeauftragten des Bundestages erhebliches Aufsehen erregte, verdient dieses Buch besondere Beachtung. Karst untersucht mit breiter praktischer Erfahrung – er war jahrelang als Oberst Referent für Innere Führung im Führungsstab der Bundeswehr und kommandiert derzeit eine Brigade – den geistesgeschichtlichen, staatsbürgerlichen, soldatischen und soziologischen Hintergrund der Bundeswehr in unserer Zeit. Er sieht dabei den Soldaten kompromißlos vom Ernstfall her: dem atomaren Krieg. „In der wichtigsten Vorschrift des Heeres (Truppenführung) wird der politischen Führung die Aufgabe zuerkannt, ihre Bemühungen auf die Verhinderung des Krieges zu richten, nicht dem Soldaten. Er hat sich auf den immer möglichen Krieg vorzubereiten.“

Sein zweites Grundanliegen, das sich durch alle Einzelbetrachtungen des Werkes hindurchzieht, sind die Probleme der „Einbürgerung des Soldaten im Zeitalter des totalen Krieges, die nur durch seine Eingliederung in die Verteidigungsgemeinschaft des Volkes zu lösen sind.“ Wenn sie nicht gelingt, fürchtet er eine Form der Isolierung der Bundeswehr, die er mit Recht für gefährlicher hält als die ständische Abkapselung der Reichswehr – den „Staat im Staate“ – der Weimarer Republik. Dies ist genau der gleiche Gedankengang, mit dem der ehemalige Wehrbeauftragte seinen Vorwurf, daß die Bundeswehr eben auf dem Weg zum Staat im Staate sei, interpretierte. Nur, das Buch „Das Bild des Soldaten“ erschien vor seinem Bericht. Es kann also um den Staatsbürger in Uniform – Karst plädiert für den Begriff „Staatsbürger in Waffen“, um den Auftrag zur ständigen Verteidigungsbereitschaft stärker zu betonen – und seine Innere Führung nicht so schlecht bestellt sein, wenn sich ein Autor, der Maßgebliches zu sagen hat und selbst hoher Offizier ist, gründlich und offen mit dieser Thematik beschäftigt. Das ist beruhigend.

In Einzelstudien, die zum Teil Neuland erschließen, werden Wehrmotive im Atomzeitalter, Tradition in der Bundeswehr, Jugend im Wehrdienst, soldatische Tradition und der 20. Juli, Tradition und Fortschritt in der Bundeswehr behandelt. Einen breiten Raum nimmt die Stellung des Offiziers und Unteroffiziers von heute ein. Gerade an diesen Kapiteln versteht es Karst deutlich zu machen, welcher beängstigenden Fülle von Problemen sich der militärische Vorgesetzte gegenübersieht, in einer Zeit, in der allgemeiner Autoritätsschwund zu beobachten ist und alle öffentlichen Institutionen mangelndes staatsbürgerliches Bewußtsein der Jugend beklagen. Dabei entspricht die soziologische Zusammensetzung des Offizierskorps wie noch zu keiner Zeit der preußisch-deutschen Militärgeschichte der unserer demokratischen Gesellschaft.

Der Ausweg aus dem Dilemma ist bessere Ausbildung, im Sinn von Allgemeinbildung: für den Offizier über eine Wehrakademie – also das Vordringen in den Hochschulraum –, für den Unteroffizier durch bessere und erweiterte Schulmöglichkeiten. Das ist der Kernpunkt der Hebung des Sozialprestiges und der Autorität des Vorgesetzten. Man denkt hier an die Gültigkeit dieser Problematik im Zusammenhang mit Begriffen wie Bildungsnotstand oder Forderung nach erschwerter Ausbildung im Krankenpflegerinnenberuf, trotz Mangel an Personal.

Der ausführliche Abschnitt über Soldat und Technik nähert sich im wesentlichen Weizsäckers Forderung: „Den Raum der Freiheit planen kann nur der Mensch, der Herr der Technik bleibt“, vom Standpunkt des Soldaten aus betrachtet. Karst hätte sich hier leichter getan, wenn er, um gegen das Abgleiten des Soldaten vom Führer in technisches Spezialistentum und Funktionärswesen zu argumentieren, das Beispiel der Marineausbildung herangezogen hätte. Diese Teilstreitkraft mit der längsten Erfahrung im Zusammenspiel von Menschenführung und Technik in der militärischen Einheit praktiziert schon seit 1956 das „Studium navale generale“. Nebenbei, Radar ortet nur über Wasser.