Von Alex Natan

Es ist ein altes Axiom, daß ein brennendes Problem, sobald man es als eine Krisensituation betrachtet, zu einer Krise wird. England hat jüngst diese Erfahrung in seiner nationalen Wirtschaft gemacht und wiederholt den gleichen Fehler durch die Art der Lösungen, mit denen der englische Fußballverband jene tiefsitzenden Schwierigkeiten lösen möchte, die den Fußballsport seit Jahren heimsuchen. Angesichts der sich stetig verschlechternden Beziehungen zwischen Spielern und Schiedsrichtern, zwischen Vereinen und Verband, zwischen Publikum und Schiedsrichter hat sich der Fußballverband überzeugen lassen, daß eine fundamentale Krise die Wurzeln dieser populärsten aller Sportarten bedroht. Er hat gehandelt, als ob von der Lösung dieser Krise die ganze Zukunft des Sports abhängen wird. Wie alle Sportbehörden, wenn sie glauben, autoritäre Maßnahmen treffen zu müssen, so hat auch der englische Fußballverband in erster Linie an die Strafen und ihre Auferlegung gedacht, aber weniger an ihre Erfolgsmöglichkeiten. Das neue Strafgesetzbuch des englischen Fußballverbandes hat vier Ziele: eine schärfere Disziplin Spielern aufzuzwingen, die sich vergehen und deswegen stärker bestraft werden sollen, jede Herausforderung von Schiedsrichtern dadurch unmöglich zu machen, daß man ihre Gerichtsbarkeit auf dem Spielfeld absolut gemacht hat, das aggressive Verhalten von Rowdys dadurch zu unterbinden, daß man den Veranstalter für ihr sportliches Benehmen verantwortlich machen und deswegen auch nicht vor einer Schließung des Spielplatzes für Ligaspiele zurückschrecken wird, und schließlich Maßnahmen zu treffen, um die Verbandsfunktionäre vor jeder abfälligen Kritik zu schützen.

Diese Beschlüsse des englischen Fußballverbands haben eine schlechte Presse gefunden. Man hat dem Verband vorgehalten, daß er a priori angenommen hat, daß Ligafußball moralische Degenerationserscheinungen zeige, die ein viel härterer Sport, wie etwa Rugby, nicht aufzuweisen habe. Man hat auch gegen die Ausgangsposition der Verbandsbeschlüsse protestiert, daß die Spieler allein verantwortlich für die bestehende Misere wären, wenn die Zusammenstöße mit den Schiedsrichtern nur durch deren verschärftes Verhalten provoziert sein sollten. Angesichts der ständigen Zwischenfälle war eine Verschärfung der bestehenden Austragungsbestimmungen dringend notwendig geworden. Sie ist aber nicht am grünen Tisch mit den Vertretern der Spieler und Vereine erreicht worden, sondern als autokratische Maßnahme von „oben herab“ diktiert worden. Deswegen durfte Tommy Trinder, einer der beliebtesten Komiker des Landes und Vorsitzender des Oberligavereins Fulham, mehrfach im Fernsehen erklären: „Italien hatte einen Diktator, der sein Land tötete, Deutschland hatte einen Diktator, der sein Land tötete. Und zur Zeit schickt der Fußballverband zu jedem Spiel einen Diktator, der den Fußball tötet.“

Die neuen Verbandsbestimmungen wurden zum erstenmal auf einen der Spitzenspieler Englands angewandt, auf Denis Law, den erstklassigen Torschützen und größten Geldverdiener von Manchester United. Er war bereits mehrfach vorbestraft worden, als er sich erneut hatte hinreißen lassen, dem Schiedsrichter im Feuer des Gefechts seine Meinung zu sagen. Er wurde nun auf einen Monat von allen Ligaspielen gesperrt und mit einer Strafe von 50 Pfund bestraft. Nach den bestehenden Bestimmungen darf ihm Manchester United kein Gehalt während dieser Sperrfrist zahlen, was für Law einen Verlust von 6000 Mark bedeuten dürfte, falls ihm sein Verein diesen Betrag nicht als privates Weihnachtsgeschenk vergüten wird.

Diese Verhandlung fand ohne den Angeklagten hinter verschlossenen Türen statt. Law durfte sich nur durch den Sekretär der Spielervereinigung vertreten lassen. Nach den im Fußballverband herrschenden Regeln muß sich ein Spieler so lange als schuldig betrachten, solange er nicht seine Unschuld vor einem Gremium nachweisen kann, in dem die Vertreter und Direktoren rivalisierender Vereine als Richter vertreten sind. Diese Haltung autoritärer Funktionäre widerspricht einem Grundprinzip englischer Rechtsprechung, das einen Beschuldigten so lange für unschuldig hält, bis ihm nicht seine Schuld einwandfrei nachgewiesen ist. Law erhielt keine Gelegenheit, sich zu rechtfertigen, und wurde ungerechter behandelt als der kleinste Taschendieb. Kein Wunder, daß die Pressekommentare essigsauer waren und allgemein von „Nazi-Gerichtsbarkeit“ sprachen. Danny Blanchflower hat öffentlich gefordert, daß diese Tribunale öffentlich abgehalten werden und er hat große Zweifel geäußert, ob sich die Spielmoral wirklich verschlechtert habe. Seiner Ansicht nach hätten sich Ton und Gebaren auf dem Spielfeld nicht geändert, nur die Haltung des Schiedsrichters zum Spiel und zu den Spielern. Es ist der allgemeine Vorwurf gegen die Schiedsrichter, daß sie im Augenblick, wo ihre Entscheidungen für sakrosankt und unanfechtbar erklärt worden sind, Cäsarenwahnsinn entwickelt hätten, eine psychotische Überempfindlichkeit, die ein sehr bezeichnendes Phänomen krankhafter Funktionärsüberheblichkeit zu sein scheint. Blanchflower hat deswegen öffentlich den Vorwurf erhoben, daß der Fußballverband „nicht den gegenwärtigen Spielbetrieb säubert, sondern das Spiel erst recht beschmutzt“. Er verlangt das Eingreifen von Dennis Howell, dem neuen Sportminister, weil „niemand mehr den gegenwärtigen Fußballgesetzgebern über den Weg traut“. Nicht einmal mehr die höchsten Richter des Landes, die ja vor einiger Zeit den Spielkontrakt der Ligaspieler für illegal erklärt hatten. Jetzt droht der Sekretär der Spielervereinigung dem Fußballverband mit der Möglichkeit, den Fall Law vor einen gewöhnlichen Gerichtshof zu bringen. Gleichzeitig hörte man aus Schottland, daß ein dortiger Richter eine Strafnahme des schottischen Fußballverbandes außer Kraft gesetzt hat, weil die Geldstrafe „im Gegensatz zum natürlichen Rechtsempfinden stände“.

All diese Ereignisse unterstreichen den berechtigten Verdacht, daß einige Dinge faul im Staate Fußball sind. Er zahlt königliche Gagen, geht erhebliche Risikos ein, setzt gewaltige Summen um und ist als ein Unternehmen strukturiert, das seine Aktieninhaber finanziell befriedigen muß, um seine Existenzberechtigung zu beweisen. Der Fußball wird von einem Millionenpublikum unterstützt, das nicht nur seinen Obolus entrichtet, sondern auch beträchtliche Geldwetten riskiert, dafür dann auch bereit ist, die Grundregeln der Spieldurchführung zu akzeptieren. Es ist sich keiner ethischen Motive bewußt und lehnt es ab, moralische Motivierung anzuerkennen. Es will eine Unterhaltung, die die eigenen Emotionen und Leidenschaften freisetzt, die als Kettenreaktion der Geschehnisse auf dem grünen Rasen explodieren. Ein Teil dieses Publikums lehnt es heute ab, ein ästhetisches, sportlich einwandfreies Spiel vorgesetzt zu bekommen, das von dem Postulat des fair play erfüllt ist. In einem Jahrzehnt, das sich extroverter als je zuvor in diesem Jahrhundert gebärdet, das Grausamkeiten in täglicher Fülle indoktriniert bekommt und erheblich zur Verbreitung sadistischer Literatur beiträgt, will es nicht 22 Lämmlein spielen sehen. Der Sportplatz wird erneut zum Circus Maximus, die Arena zum Tribunal. Wer Leidenschaft und Kräfteäußerung aus dem Fußball bannen will, verwässert den Sirin des Spieles und hilft weder dem Kassierer noch befriedigt er einen tief verwurzelten Instinkt der Spieler.

Was die englischen Behörden gegenwärtig tun, ist sicherlich von dem Bestreben er füllt, eine tolerantere Atmosphäre zu schaffen als sie in letzter Zeit bestanden hat. Wer aber im Fußball eine zeitnahe Reflexion des Lebens sieht oder dies wenigstens zu fühlen glaubt, muß eben akzeptieren, daß dort heute das Ethos des Nichtfair play und die Strategie im Sitzungszimmer einer Maklerfirma herrscht. Es gehört zu den Berufskrankheiten der Spitzenfunktionäre im Sport aller Länder, sich dem Vogel Strauß verwandt zu fühlen. Deswegen merken sie nie, wie die Zeit fortschreitet. Was sich gegenwärtig im englischen Fußball abspielt und abzeichnet, ist nichts weniger als eine Revolution im Sport, im sportlichen Denken und in der sportlichen Haltung. Schließlich sind die Briten niemals Romantiker, sondern stets erfahrene Pragmatiker gewesen, mit einem historisch bestätigten Gefühl für den richtigen Zeitpunkt einer empirischen Neuorientierung.