Wir sind glimpflicher davongekommen, als die meisten von uns vermutet haben. Als vor einem Jahr der neue Boom in der Bundesrepublik begann und überall in unseren Nachbarländern die Inflation aufkeimte, wurden auch der D-Mark allenthalben recht düstere Prognosen gestellt. Heute können wir sagen, daß die Sorgen von damals übertrieben waren. Die Kaufkraft unserer Währung hat sich 1964 um etwa 2,5 Prozent vermindert, die Mark hat sich also auch im letzten Jahr recht gut gehalten.

Gewiß ist es betrüblich, daß die Mark von Anfang Januar 1964 am Ende des Monats Dezember nur noch 97,5 Pfennig wert war. Ein Kaufkraftschwund von 2,5 Prozent ist viel, wenn man berücksichtigt, daß der Sparer bei einem normalen Sparbuch nur 3,25 Prozent Zinsen erhält – also kaum noch eine große „Belohnung“. Aber entscheidend ist, daß sich allen Unkenrufen zum Trotz der Kaufkraftschwund der Mark im letzten Jahr nicht beschleunigt hat. Für ein Jahr der Hochkonjunktur, in dem die Produktion auf vollen Touren lief, die Auftragsbücher überquollen und Hunderttausende von Arbeitskräften fehlten, ist dies ein gutes Ergebnis.

Heute lauten die Prognosen für den Geldwert ähnlich pessimistisch wie vor zwölf Monaten die Voraussagen für 1964. Fast alle Konjunkturforscher erwarten, daß sich der Preisauftrieb in der Bundesrepublik beschleunigen wird. In der Tat deuten manche Anzeichen darauf hin, daß 1965 nicht nur die Dienstleistungen teuerer werden (was bei steigenden Löhnen nun einmal unvermeidlich ist), sondern auch industrielle Erzeugnisse.

Die Energiepreise steigen (als Folge der Lohnerhöhung im Bergbau), die Rohstoffpreise, die Löhne – kurz, die Kosten der Industrie nehmen zu. Die Unternehmen aber, deren Kapazitäten voll ausgelastet sind, werden nur allzu leicht in die Versuchung kommen, diese höheren Kosten auf den Verbraucher abzuwälzen – in der Erwartung, daß angesichts der steigenden Masseneinkommen der Markt höhere Preise verkraften wird.

Im Bundeswirtschaftsministerium bleibt man allerdings optimistisch. Kurt Schmücker hat vorausgesagt, daß auch in diesem Jahr der Kaufkraftschwund der Mark nicht über 2,5 Prozent hinausgehen wird.

Das freimütige Eingeständnis Schmückers, daß die Preise auch in diesem Jahr weiter steigen werden, ist ihm von manchem Kritiker als „Kapitulation vor der schleichenden Inflation“ ausgelegt worden. Offene Worte über die Unvermeidlichkeit eines gewissen Kaufkraftschwundes der Währung sind hierzulande ungewohnt. In der Bundesrepublik gehört es zum guten Ton, bei jeder nur erdenklichen Gelegenheit Lippenbekenntnisse zur Stabilität des Geldwerts abzulegen – obwohl alle Erfahrungen zeigen, daß es nirgendwo in der Welt eine wirklich stabile Währung gibt.

Die Kaufkraft des Geldes zu erhalten, ist eine Aufgabe, die nicht isoliert gesehen werden kann. Die Sicherung der Vollbeschäftigung und des wirtschaftlichen Wachstums sind gleichrangige Aufgaben. Bei allen Klagen über den Schwund des Geldwertes dürfen wir nicht übersehen, daß es uns ständig besser geht. Gewiß, die Mark ist heute 2,5 Prozent weniger wert als vor einem Jahr – aber wir verdienen auch im Durchschnitt um 8 Prozent mehr. Wir sollten also nicht das Ideal einer stabilen Währung zum Fetisch erheben, sondern uns bemühen, das Mögliche zu erreichen.

Für 1965 gilt: wenn Kurt Schmücker recht behält, wenn trotz Hochkonjunktur und weltweiter inflationärer Tendenzen der Kaufkraftschwund bei uns nicht über 2,5 Prozent hinausgeht, dann haben wir nicht vor der schleichengen Inflation kapituliert, sondern im Gegenteil einen Sieg errungen. Dieter Stolze