Von Lotte Paepcke

Eine Art von Schizophrenie scheint selbst hohe Geister zu ergreifen, wenn das Thema Frau zur Sprache kommt. Und es kommt zur Sprache – oft.

Da gibt es einmal die unwiderleglichen Tatsachen: Jährlich wächst die Prozentzahl der Frauen, die berufstätig und damit eigenständige, Mitglieder in Wirtschaft und Gesellschaft sind. Eine Partei wie die CDU, der man gewiß nicht nachsagen kann, sie sei revolutionär und avantgardistisch, hat soeben eine große Tagung berufstätiger Frauen veranstaltet, auf der sogar der Bundeskanzler sprach und die er als Forum für allgemeine politische Erklärungen benutzte. Alle Parteien und maßgebenden politischen Gremien sind sich einig, daß nunmehr eine umfassende Untersuchung der Situation der Frau in der Bundesrepublik fällig sei, um ihre Bedürfnisse und Notwendigkeiten klarer zu sehen – nicht so sehr um ihrer selbst willen als um des Staates, der Wirtschaft und Gesellschaft willen. Denn längst ist klar, daß seit dem Krieg mehr und mehr die Frau wichtiger Wesensbestandteil dieser Gesellschaft geworden ist, unentbehrlich als Arbeitskraft und als Trägerin allgemeiner gesellschaftlichen Funktionen. Eine Entwicklung, die ja auch in fast allen anderen Staaten ähnlich vor sich geht, als typisches Merkmal unseres Jahrhunderts.

Aber wenn es schon schwer ist, die praktischen Fragen zu lösen, die sich aus diesem Wandlungsprozeß ergeben, so scheint es noch viel schwerer zu sein, die geistigen, seelischen, ethischen Probleme zu lösen, die in diesem Zusammenhang entstehen. Wenn es je einmal einen Beweis dafür gab, daß das Bewußtsein sich langsamer wandelt als Sein und erst in Gefolge von diesem – hier wäre ein Beispiel! Wieviel Voreingenommenheit, wieviel alte Denk- und Gefühlsgewohnheiten selbst bei anspruchsvollen Geistern hindern eine neue, klare Sicht. Es ist verständlich, daß man sich nach festen Größen sehnt, nach Bleibendem und Ewiggültigem, da alles schwankt und sich ändert und der Bestand unserer Welt so gefährdet ist. Da hofft man und möchte so gern, daß die Frau, besonders in ihrer Rolle als Mutter, unversehrt wie einmal in früherer Zeit das Heile und Bleibende repräsentiere. Sie soll die Zuflucht sein. Märchen soll sie bereit haben für Kleine, Ruhe und Trost für Große, und dies, so sagt man, sei ihre Bestimmung. Schon ihre biologische Rolle verweise sie in das reine, pure Sein, in Passivität, in Geschehenlassen und Abhängigkeit von den Naturgesetzen. Auch als Frau sei die passive Rolle für sie vorgezeichnet. Im sexuellen Bereich sei sie die Abwartende, die Genommene und männliche Aktivität an sich Geschehenlassende.

Ein Urgesetz also, aus dem ihr Wesen einfach abgelesen werden könne. Und wenn sie heute sich von solcher Festlegung entferne, so könne das höchstens vorübergehender Notbehelf, im übrigen aber nur ein Irrweg sein. Auf jeden Fall aber ein Unglück, eine Denaturierung ihrer selbst und des Mannes. Denn ihm allein, so heißt es, ist die aktive Rolle zuerkannt, auch diese sei eindeutig aus seiner Aufgabe im Biologischen zu ersehen. Sein Werk ist die Gestaltung der Außenwelt, wie andererseits die Frau auf das Heim, auf alle Bezirke des Innen hingewiesen ist. Er repräsentiert Aktivität, Vernunft, Sachbezogenheit, während sie das pure Sein pflegt, die Gefühlskräfte, das Subjektive und Personbezogene. Sie ist oder soll sein des Mannes Gehilfin, ihn ergänzend, seine Ratio durch Gefühl anreichernd, seiner Aktivität Erholung spendend.

Ja, da muß nun also der Arbeiter in der Fabrik, der acht Stunden am Tag einige Hebel einer Maschine bedient, in seinem ungestümen faustischen Drang von seiner Frau beruhigt werden. Auch das Heer der Beamten weiß sich nicht zu lassen vor Aktivität, losgelöst vom Urgrund, und muß liebreich von den Frauen immer wieder erdhaft gebunden werden. Die Warenhausangestellten, die Geschäftsinhaber, sie alle müssen von der männlichen Ratio, in der sie sich verzehren, durch das Weib befreit werden.

Das sind doch nun alles völlig falsche Prämissen, die diesem Schemata der Vorstellungen und Gefühle zugrunde liegen. Wir wissen doch, daß der Mann längst nicht mehr der kühn in die Außenwelt stürmende Krieger, Ritter oder Held ist, der seiner das Heim bewahrenden Gattin Beute, Erfolge oder Siege zu Füßen legt. Er ist, im Frieden, ein Arbeiter oder Angestellter mit nur in seltenen Ausnahmefällen selbständiger, schöpferischer Funktion, und eine Entwicklung und Verwendung der bisher als typisch männlich angesehenen Eigenschaften ist nur einer Minderheit möglich. Und auch in Kriegszeiten zieht er nicht mehr als Held hinaus, um Frau und Kind mit dem Schwert zu verteidigen, sondern da werden die Männer in den Materialschlachten des 20. Jahrhunderts zerrieben, oder sie müssen in kreatürlicher Angst in Bunkern Schutz suchen, genauso wie ihre Frauen und Kinder.