Von Indro Montanelli

Die ZEIT hat mich gebeten, die Gefühle der Italiener dem heutigen Deutschland gegenüber und ihre Meinungen über die Deutschen zusammenzufassen. Ich fürchte, ich habe diese Aufforderung unvorsichtigerweise zu schnell angenommen. Es ist schon schwer genug die Meinung anderer wiederzugeben. Aber geradezu verdrießlich wird ein solches Unterfangen, wenn diese Meinung von der eigenen abweicht. Um objektiv zu bleiben, werde ich es so machen: Zuerst werde ich berichten, was meine Landsleute denken, und dann zu erklären versuchen, warum sie so denken.

Vorweggenommen sei, daß die Italiener sich überhaupt nicht allzuviel Gedanken machen, weder über die Deutschen noch über andere Völker. Zwar besteht kein Mangel an Informationen; unsere Zeitungen sind reich daran. Aber das große Publikum liest nur solche Nachrichten, die es für interessant oder unterhaltsam hält. So weiß es zum Beispiel alles über Rosemarie Nitribitt, aber sehr wenig über deutsche Innenpolitik. Viele sind der Ansicht, Adenauer sei immer noch der deutsche Kanzler. Das einzige Ereignis, das sie wirklich beeindruckte, war die Berliner Mauer, wegen ihrer elementaren und bildhaften Dramatik.

Die Unwissenheit der Italiener hat verschiedene Ursachen. Die erste und augenfälligste ist wohl das Fehlen einer großen deutschen Filmproduktion. Wir Italiener holen unsere Kenntnisse von der Welt zum großen Teil aus den Lichtspieltheatern, weil das Kino die uns angeborene Tendenz, mehr mit den Augen und den Sinnen als mit dem Kopf zu arbeiten, angenehm unterstützt. Daher ist in Italien der Film zu einem wichtigen Instrument der Bildung geworden, einer direkten und vereinfachten Bildung, wie sie uns aber gerade gefällt. Und so sind wir leidlich über Amerika, England und Frankreich unterrichtet. Deutschland bietet uns da wenig. Oder nur das Wenigste, was in deutschen Filmateliers entsteht, findet seinen Weg nach Italien. Auch über die literarische Produktion ist nicht viel bekannt. Man ist daher in Italien der Ansicht, die Deutschen seien zu sehr damit beschäftigt, ihren Wohlstand zu genießen, so daß sie kaum Zeit finden oder nur geringen Drang spüren, Romane, Erzählungen und Theaterstücke zu schreiben, die – wenn sie erscheinen – fast immer das Resultat irgendeines Malaise sind.

Eine tiefere Ursache der Unwissenheit über das heutige Deutschland aber ist ein durch alten und neuen Groll genährtes Mißtrauen. Der „Mann auf der Straße“ ist der Überzeugung, stets das Opfer der Deutschen gewesen zu sein, und sieht in ihnen die ewigen Militaristen. Er glaubt nicht an ihre Demokratie. Er ist der Ansicht, daß es nur eine zeitbedingte Maske sei. Und aus allen Nachrichten, die aus Deutschland kommen, sucht er sich nur solche heraus, die diese These bestätigen. Leider laufen immer wieder ab und zu solche Meldungen unter. So zum Beispiel über die Mißgeschicke, die manchmal unseren Arbeitern in Deutschland zustoßen, oder über die Haltung eines großen Teiles der deutschen Presse über die Südtirolfrage. Dies trägt dann dazu bei, die Vorstellung von den nationalistischen Deutschen zu bestätigen, die bereit seien, sich in die Arme irgendeines Hitlers zu werfen, der ihnen ein neues „Tausendjähriges Reich“ verspricht.

Wie man sieht, ist das ein außerordentlich vereinfachtes und oberflächliches Urteil, das ich nur zögernd wiedergebe, weil es der Intelligenz meiner Landsleute keine große Ehre macht. Ich hoffe aber, daß der deutsche Leser vorbehaltlos genug ist, sich nicht gleich darüber zu empören, sondern daß er versuchen möge, die Gründe zu verstehen, die zu einer solchen Haltung geführt haben.

Lassen wir den jahrhundertealten Antagonismus zwischen Latinität und Germanentum beiseite und bekümmern wir uns lediglich um unsere Zeit! Der letzte Krieg hat gegenseitigen Groll zurückgelassen. Wahrscheinlich ist das bei allen Völkern so, die in den Kreis hineingeraten sind, aber in Italien besteht eine besondere politische und psychologische Situation, die dazu beiträgt, diesen Groll lebendig zu erhalten und ihn immer wieder neu anzufachen.