Der westafrikanische Bundesstaat Nigeria galt seit seiner Unabhängigkeitserklärung vor vier Jahren als einer der stabilsten Länder des Kontinents. Die Spielregeln der parlamentarischen Demokratie wurden eingehalten, die Regierung des Commonwealthlandes stand fest im Lager des Westens. Dieses Bild wurde durch die Parlamentswahlen am Jahreswechsel, die ersten seit 1960, getrübt. Fast wäre der Staat zerbrochen.

Zwischen den zwei Parteiblöcken, die den Wahlkampf unter sich ausmachten, der fortschrittlichen UPGA im Süden und der konservativen NNA im Norden, war ein heftiger Streit entbrannt. Millionen von Wählern im Süden blieben den Wahlurnen fern, nachdem die UPGA zum Boykott aufgerufen hatte. Diese Partei war im Norden und Westen des Landes erheblich benachteiligt worden. Ihre Kandidaten wurden verfolgt oder eingesperrt, ihre Wähler von Schlägerkolonnen eingeschüchtert. Einer der NNA-Führer brüstete sich: „Ich bin ein Nationalsozialist, und Sie können mich ruhig einen Faschisten nennen.“

Der Präsident des Landes, Nwamdi Azikiwe, ein Anhänger der UPGA, weigerte sich zunächst, eine neue Regierung zu bilden. Die kultivierten Bewohner des reichen Südens wollten sich nicht der Mehrheit des rückständigen, feudalistischen Nordens unterwerfen.

Drei Möglichkeiten boten sich nach der Wahl an:

1. die Teilung des Landes in einen islamischen Nord- und einen christlich-heidnischen Südstaat, vielleicht auch noch einen Weststaat,

2. ein Kompromiß zwischen den Parteien oder

3. ein Chaos, „gegen das die Ereignisse im Kongo ein Kinderspiel wären“ (Azikiwe).