Tri, Hamburg

Das Wintersemester hat längst angefangen, und Barbara wohnt immer noch in der Jugendherberge. Sie hat Anzeigen aufgegeben, einen Makler beauftragt, sie hat überall herumgefragt, sie ist überall hingelaufen. Alles umsonst, sie kann kein möbliertes Zimmer finden.

Wie soll sich Barbara nun auf ihre Seminare vorbereiten, wo hat sie die Ruhe dazu? Ja, wenn sie sich entschließen könnte, vier Stunden täglich zu putzen, Kinder zu hüten oder einer alten Dame Gesellschaft zu leisten –, dafür gäbe es Zimmer. Aber Barbara ist im achten Semester und muß mit der Zeit haushälterisch umgehen, wenn sie fertig werden will.

Die Schwierigkeit, ein gutes, preiswertes, geheiztes Zimmer zu finden, in dem Studenten ungestört arbeiten können, ist heute eines der Hauptprobleme in den Universitätsstädten. Die Angebote, die stets nur einen Teil der Nachfrage decken können, sind – von Ausnahmen abgesehen – unzureichend, unwürdig und deprimierend. Auch die Haken, die zimmersuchende Studenten schlagen müssen, um sich zu „bewerben“, stimmen traurig. Da heißt es: „Ich bin Wochenendfahrer“; auch Barbara hat auf diesen Vorzug hingewiesen. Das soll besagen, am Wochenende ist die Wirtin ihren lästigen Untermieter los, da kann sie sich endlich einmal ungestört in allen Räumen bewegen oder anderweitig darüber verfügen.

Auch der Hinweis „Nichtraucher“ oder „bin Bayer“, „bin Schwabe“ geht auf die erpresserischen Methoden der Vermieter zurück, die bestimmen: „Ich vermiete nur an Wochenendfahrer und Nichtraucher undEinheimische ... Die zusätzliche Empfehlung der Zimmersuchenden: „Bin seriöser Einzelgänger“ soll heißen: „Ich empfange keinen Damen- oder keinen Herrenbesuch.“ In der Universitätsstadt Münster durften 80 Prozent der Studentinnen keinen Herrenbesuch, 50 Prozent der Studenten keinen Damenbesuch empfangen. Auch in München, Tübingen und Freiburg ist man sehr auf „Moral“ bedacht. Daß aber viele Zimmer nicht geheizt werden können, Bad- und Küchenbenutzung verboten sind, Bunkerzimmer zu unverschämten Preisen oder Zimmer „mit Kaution“, die meist 300 DM und mehr beträgt, vermietet werden – das alles stört die Moral keineswegs.

Eine Umfrage an der Universität Heidelberg ergab, daß Studierende 150, 200, ja sogar über 300 DM für ein Zimmer zahlen müssen. 52‚4 Prozent müssen dort eine Miete über 80 DM entrichten, darin sind Heizung, Strom und Wasser nicht eingeschlossen. 4,1 Prozent der Heidelberger Studenten verbrachten die letzten Winter in ungeheizten Zimmern und gingen „wohl größtenteils mit Pullover“ ins Bett und nur 11,2 Prozent wohnten in einem Zimmer mit fließendem Wasser.

In München dürften diese Zahlen noch alarmierender sein, doch fehlen hier statistische Angaben. Ein TH-Student mußte in der „Stadt mit Herz“ für ein schlecht möbliertes, unfreundliches Zimmer 175 DM bezahlen; er durfte weder baden, noch Tee aufbrühen, Bettwäsche und Handtücher mußten mitgebracht, Heizung und-Strom zusätzlich gezahlt werden. Für ein Bunkerzimmer wurde 100 DM (Strom, Heizung extra), verlangt.

In Tübingen hatte ein winziges Zimmer, das „nur“ 75 DM kosten sollte – über eine Stunde von der Uni entfernt (der Bus fuhr nur dreimal täglich), – eine Dachluke als Fenster. In einem halbverfallenen Gartenhaus, hoch über der Stadt, (mit einmaliger Aussicht!) werden Zimmer für 100 DM angeboten, die kein elektrisches Licht haben (Petroleumlampen sind doch so romantisch!), das Wasser muß im Garten geholt werden, das Mobilar besteht aus einem vorsintflutlichen Kanonenofen (die Kohlen liegen der Einfachheit halber gleich im Flur), einem wackligen Gärtentisch, einem verbeulten Sessel, einem Feldbett und ein paar Haken.