Bissige Leute sagen, das beste an Pop sei der Name. Als Werbemarke für einen Kunststil ist die schon vom Klang her provozierende Buchstabendreiheit in der Tat konkurrenzlos – wenn mit seinen vier Buchstaben Dada nicht wäre. „Dada“ ist auf französisch ein Holzpferdchen. „Dada“ sagen Kinder, die sprachlich noch auf der Stammelstufe stehen. Im Stammeln liegt eine Sprachäußerung vor, die alle mögliche Sinngebung erlaubt. Vom Phonetischen her gestattet Dada die schönsten Alliterationen, Basteleien und Montagen: „Bevor Dada da war, war Dada da“, sagten die Deutschen. „Is dada dead?“ fragte vor ein paar Jahren Dadaist Man Ray und antwortete: „Dada is.“

„Pop“ heißt auf englisch ein gewisser Sperrpflock in slot machines münzenschluckenden Apparaten, die nicht nur von Teenagern, sondern speziell auch von Pop-Künstlern geliebt werden. Wird dieser Sperrpflock getroffen, gibt es „Jackpot“ – reichlichen Geldgewinn bei geringem Einsatz. Pops nennt man in New York Sonnabend-Konzerte, die populäre Musik bieten. To pop ist ferner ein englisches Verbum, das soviel wie herausspringen oder hervorstehen bedeutet. Pop gun ist eine Kinderpistole mit Knallkorken, Pop corn eine neuzeitliche Speise für Großstadtkinder, bestehend aus Maiskörnern, die beim Rösten aufspringen. Ein pop eye ist ein Mensch mit hervorstehenden Augen.

Nach soviel „Semantik“ zur Sache selber: Der Dadaismus ist eine der ganz wenigen Kunstrichtungen, die ihren nom de guerre nicht von der Kritik, sondern von den Künstlern selber erhalten haben, darum trifft er so gut. Angeblich fanden ihn die Urdadaisten 1916 in Zürich, als sie „zufällig“ im Larousse blätterten. Die Pop-Kunst ist, wie ihr vieldeutiger Name sagt, amerikanischenglischen Ursprungs. „Pop“ schrieb 1956 der in England lebende Maler Kitaj auf eines seiner Bilder und traf damit ins Schwarze. Pop-Bildner benutzen die Bildfläche, auf der sich früher die Malerei abzuspielen hatte, vielfach nur, um sich von ihr abzustoßen. Im Vertrauen auf die unheimliche Klebekraft von „Uhu hart“ montieren sie ihre Töpfchen und Werkzeuge, Brötchen und Kinderstühlchen auf die Unterlage (zu der die Leinwand geworden ist). Die Mehrzahl dieser Bilder sind „Vorsteh-Bilder“, die Bildteile springen uns entgegen, machen „pop“.

Die Pop-Kunst hat meistens eine schlechte Presse gehabt, aber sie ist schneller populär geworden, als dies einer anderen modernen Richtung gelang. Ist darum Pop-Art populär art = Volkskunst? Jedenfalls benutzt sie die Volkskunst der modernen Zivilisation, die Photographie, das Plakat, den Comic strip, das Pin-up als Motiv und Quelle, als objet trouve.

Pop-Kunst sucht mit geringstem Einsatz (an schöpferisch-produktiver Arbeit) größtmögliche Wirkung zu erzielen, und da die Popkünstler als geschickte Spieler den „pop“ (siehe oben) meist treffen, gelingt das auch. Ihre Sachen sind zuweilen bloße Fundsachen aus der technischen Umwelt, einschließlich des Schrotts. Der schöpferische Akt ist in diesem Falle auf das „Finden“ reduziert, die produktive Arbeit auf den Transport zur Galerie. Hier nun, mit ihrem „Auftauchen an anderem Ort“, werden sie teuer. Pop-Art erzielt in einigen Fällen bereits Preise von fünfstelligen Zahlen. Seine Adaption an moderne Wirtschaftswunder-Formen vollzog sich reibungslos. Pop-Kunst hat verblüffend schnell im internationalen Kunsthandel Fuß gefaßt, und hierin zumindest besteht ein gewaltiger Unterschied zu den Dadaisten, die arme Schlucker waren.

Trotzdem machen Leute, die an Ben Akiba („alles ist schon einmal dagewesen“) glauben, keinen großen Unterschied zwischen Dada und Pop. Pop ist für sie Neo-Dadaismus, Neuauflage, und nicht unbedingt eine verbesserte. Andere sind da ganz anderer Meinung und verweisen auf die Umkehrung des Vorzeichens. Dada, sagen sie, war eine intellektuelle Revolte mit Minuszeichen, rein destruktiv. Dada war „dagegen“. Gegen den Krieg, gegen den Staat, gegen die bürgerlichen Konventionen, gegen die Umwelt der technisch zugerichteten Gegenwart, gegen die rationale Welterklärung – und auch gegen die Kunst. Kein Dadaist hätte – selbst bei persönlicher Sympathie – eine Hommage an ein Staatsoberhaupt gemalt (wie Rauschenberg an Kennedy) oder eine Staatsflagge (wie Jasper Johns).

Dada wurde im Ersten Weltkrieg geboren. Die Pop-Künstler sind vorwiegend junge Leute, die im Zweiten noch keine Kinder waren. Sie sind im Wohlstand aufgewachsen und haben nichts dagegen, daß die Welt so ist, wie sie ist. Sie sind alles andere als Bohemiens. Sie sagen uns, daß es blödsinnig ist, auf unbestimmte Dauer gegen eine Welt zu protestieren, die wir selbst geschaffen haben und deren Errungenschaften wir weder abschaffen können noch wollen. Sie akzeptieren diese Welt „at its face value“, wie es englisch so schön und unübersetzbar heißt – jedenfalls lesen wir so in den Ausstellungskatalogen. „Pop richtet nicht und wertet nicht“, schrieb Gottfried Sello (DIE ZEIT, 25. 12. 1964).