Professor Dr. Hans Joachim Schrimpf lehrt derzeit an der University of Minnesota. Er wurde als Ordinarius auf den germanistischen Lehrstuhl der neuen Ruhr-Universität Bochum berufen.

14. Mai 1933

Herr Chefredakteur,

man teilt mir die Zeilen mit, welche die Kölnische Zeitung mir in der Randnote Ihrer Ausgabe vom 9. Mai (Nr. 251) gewidmet hat.

Es ist wahr, daß ich Deutschland liebe und daß ich es beharrlich gegen Ungerechtigkeiten und Verständnislosigkeit des Auslandes verteidigt habe. Aber das Deutschland, das ich liebe und das meinen Geist befruchtet hat, ist das Deutschland der großen Weltbürger – derer, „die das Glück und das Unglück der andern Völker wie ihr eigenes nachempfunden haben“ – derer, die an der Vereinigung der Völker und Geister gearbeitet haben.

Dieses Deutschland ist mit Füßen getreten, mit Blut befleckt und verhöhnt durch seine „nationalen“ Regierenden von heute, durch das Deutschland des Hakenkreuzes, das die freien Geister, die Europäer, die Pazifisten, die Juden, die Sozialisten, die Kommunisten von sich weist, welche die Internationale der Arbeit gründen wollen. Sehen Sie denn nicht, daß dieses nationalfaschistische Deutschland der schlimmste Feind des wahren Deutschland ist, daß es dieses verleugnet? Eine solche Politik ist ein Verbrechen nicht nur gegen den menschlichen Geist, sondern auch gegen Ihre eigne Nation. Sie entziehen ihr einen großen Teil ihrer Energien, Sie nehmen ihr die Hochachtung ihrer besten Freunde in der Welt. Ihre Führer haben das Kunststück fertiggebracht, die Nationalisten und Internationalisten aller Länder gegen Sie zusammenzuschließen. Sie wollen das nicht sehen. Sie ziehen es vor, von einer Verschwörung gegen Deutschland zu sprechen. Aber Sie, Sie selbst, Sie allein haben sich doch gegen sich selbst verschworen!

Ich habe das Unrecht kundgetan, dessen Opfer Deutschland nach dem Sieg von 1918 geworden ist. Ich habe die Revision der Verträge von Versailles gefordert, die durch Gewalt auferlegt worden sind. Ich habe die Rechtsgleichheit für Deutschland und alle andern Völker verlangt. Aber glauben Sie, daß ich das verlangt habe zugunsten einer schlimmeren Ungerechtigkeit, eines Deutschlands, das selbst die Gleichheit der menschlichen Rassen und aller Menschenrechte, die uns heilig sind, verletzt? Die hartnäckigsten Gegner der Vertragsrevision konnten nicht überwältigender gegen Deutschland wirken, als Sie, Sie selbst, es getan haben. Die Zukunft wird Sie – zu spät! – über Ihren mörderischen Irrtum aufklären, dessen einzige Entschuldigung das Fieber der Verzweiflung ist, in das die Blindheit und Härte Ihrer Sieger von Versailles Ihr Volk gestürzt haben.