Ein rechtes Jubelfest wird man im Juni in San Franzisko wohl nicht feiern können. Obgleich schon heute ein Zwölfer-Ausschuß der Vollversammlung jene Feierlichkeiten vorbereitet, mit denen die Weltorganisation ihren zwanzigsten Geburtstag begehen will, ist derzeit die Stimmung im UN-Gebäude in New York viel eher durch Nervosität und Resignation als durch Selbstgewißheit und Jubiläumsfrohsinn gekennzeichnet.

Die Vollversammlung hat sich bis Mitte Januar vertagt, und diese Zäsur in der 19. Sitzungsperiode gibt, wie üblich, Anlaß zu Rückblick und Resümee. Diesmal ist es ein trauriger Rückblick. Schon der (zweimal vertagte) Anfang der Session stand unter schlechtem Vorzeichen. Die USA zeigten sich entschlossen, die Anwendung des Artikels 19 der UN-Charta zu erzwingen. Danach geht jedes Mitglied seiner Stimme verloren, das länger. als zwei Jahre mit Beiträgen im Verzug ist. Die Sowjetunion schuldet der Weltorganisation über 200 Millionen Mark, da sie Beiträge für die UN-Truppen im Kongo und im Nahen Osten verweigert.

Moskau aber beharrte auf seinem Standpunkt, „keinen Cent und keine Kopeke“ für diese Aktionen zu zahlen, die es für unrechtmäßig hält. Um nun zu verhindern, daß bei einer Abstimmung die Frage des sowjetischen Stimmrechts von den USA aufgeworfen würde – seit dem 1. Januar ging es auch um das Stimmrecht der Schuldnerstaaten Frankreich und Belgien sowie einiger kleinerer Länder –, setzte Generalsekretär U Thant zunächst ein Moratorium durch, wonach alle jene Fragen, die der Abstimmung bedürfen, einstweilen aus den Beratungen ausgeklammert werden.

Damit war der Sitzungsablauf gesichert, zugleich aber die Lähmung der Weltorganisation institutionalisiert. Der neue Präsident der Vollversammlung, der Afrikaner Quaison-Sackey, befürwortet einen Vorschlag, der der UdSSR die Möglichkeit bietet, eine – gemessen an ihren Schulden – geringfügige Summe zu zahlen, um in keinem Fall des Stimmrechts verlustig zu gehen. Allerdings will Moskau jeden Anschein vermeiden, als habe es gegenüber Washington nachgegeben. Deshalb sollen die Zahlungen der Sowjetunion und anderer Schuldnerstaaten an einen UN-Fond zur Überwindung finanzieller Schwierigkeiten geleitet werden.

Dieses Prestigespiel um die Finanzierung hat die Vollversammlung hinter den Kulissen vollauf in Atem gehalten. Und da ja zudem auf Abstimmungen verzichtet wurde, ist es kaum verwunderlich, daß die Generalversammlung mit keinem ihrer 82 Tagesordnungspunkte nennenswert vorankam.

Daß die Organisation der Vereinten Nationen in der Weltpolitik eine etwas verschwommene Lolle spielt, weiß man nicht erst seit gestern und heute. Häufig schon haben ihre Kritiker gemeint, sie sei außerstande, jene Funktion zu erfüllen, die ihr bei ihrer Gründung zugedacht war: eine friedliche und brüderliche Ordnung auf unserem Erdball zu gewährleisten. Aber wenn auch die UN häufig in der Praxis nicht viel erreichten, wenn sie nicht imstande waren, die Händel auf dieser Welt zu schlichten oder mindestens zu entschärfen, gaben sie – in Sicherheitsrat und Vollversammlung – doch nicht selten eine nützliche Beratungsplattform vor dem Weltauditorium ab. Aber davon konnte in dieser Woche kaum noch die Rede sein.

Es gab so wütende Polemiken und Beschimpfungen wie nie zuvor. Und es waren vor allem die Afrikaner, die sie immer wieder vom Zaune brachen. Sie haben die letzte Beratungsperiode durch ihre Ursächlichkeit und Gehässigkeit vergiftet. Von den 115 UN-Mitgliedstaaten stellt der afrikanische Kontinent jetzt 35. Mindestens 25 davon aber gebärdeten sich in den Vereinten Nationen überaus aggressiv. Ihre Vertreter bringen ohne Anlaß immer wieder die Rassenfragen auf und versuchen stets und ständig antiweißen Ressentiments neue Nahrung zu geben.