Von Horst Wetterling

Wen bei uns der Hafer sticht, so daß es ihn – abwechslungshalber sozusagen – gelüstet, seinen guten Ruf einmal aufs Spiel zu setzen, der braucht nur zaghaft Zweifel daran zu äußern, daß die Vorstellungen verbindlich sein sollen, welche unter seinen maßgebenden Zeitgenossen von der „Bildung“ oder gar von der „Allgemeinbildung“ im Schwange sind. Der Effekt muß ihn sehr befriedigen: Nicht nur, daß es um sein Ansehen fortan geschehen ist, er hat sie auch alle in Harnisch gebracht, die Männer und Frauen, welche bei uns etwas vorstellen. Das macht: Sein Zweifel berührt der Nation liebstes Hobby, wenn nicht gar eines ihrer mächtigsten Tabus.

In angelsächsischen Bezirken wird ein Mann daran gemessen, ob er die Wahrheit sagt oder falsches Zeugnis ablegt. Die Lüge ist es, die einen aus ehrenwerter Gesellschaft ausschließt. Das nenne ich einen eindeutigen Maßstab. (In Deutschland ist das anders: Hier dulden ehrenhafte Parteien und the most honourable Mitglieder des Parlaments auch ein Lügenmaul.)

In den Landstrichen Germaniens taugt der Hinweis darauf, einer sei „ungebildet“, am ehesten dazu, ihn in die Schranken zu weisen. „Bildung“ ist es, bescheinigt womöglich noch durch die Reifeprüfung, durch das – mit der ironischen Kennzeichnung eines Oberstudiendirektors – „unauslöschliche Siegel der Erlösung aus Unbildung und gesellschaftlicher Bedeutungslosigkeit“, die einem das Tor zu den Zirkeln öffnet, auf die es ankommt. Das nenne ich ein dubioses Kriterium. (Auch dann übrigens, wenn ein ehemaliger Bundesminister meint, die Frage danach, ob der Partner das Abitur „habe“, könne als stichhaltiges Argument in der Diskussion gelten.)

Die Zweifel sind doch wohl berechtigt: Droht die Unterhaltung einer Runde von Zeitgenossen, die ihres Wertes inne sind, ins Stocken zu geraten, so genügt die beiläufige Frage, was denn alles zu jenem Besitz gehören möge, der einen als zugehörig auszuweisen imstande ist, um sie nachhaltig zu beleben. Noch besser, taugt freilich dazu die Bemerkung, däß die Dramen Goethes, „Götz von Berlichingen“ und „Faust“ eingeschlossen, einen zu Tode langweilen, und so auch die Symphonien Beethovens, die neunte vor allem.

Als Gastgeber habe ich mir einmal erlaubt, einige Fragen zu stellen. Ich fragte den befreundeten Studienrat (alte Sprachen), welche Bewandtnis es mit der Erhöhung oder Senkung des Diskontsatzes habe; ich fragte die feinsinnige Nachbarin (Gattin eines Richters und Mutter von drei Kindern, die samt und sonders Blockflöte spielen), warum die „Preußischen“ Streichquartette Mozarts nicht – wie beispielsweise die „Brandenburgischen Konzerte“ Bachs oder die fünfte Symphonie von Beethoven – den Vorzug genössen, zum ehernen Bestand unseres „Bildungserbes“ gerechnet zu werden; ich fragte den Richter (er hält sich auf seine „humanistische Bildung“ einiges zugute), ob nicht auch Jean Pauls Roman „Siebenkäs“ Anspruch darauf habe, in den Kanon aufgenommen zu werden, der beispielsweise – dem Herkommen entsprechend – Goethes „Iphigenie“ und – neuerdings – gar Bergengruens Novellen enthält; ich fragte die junge Apothekerin (sie ist in der zeitgenössischen Literatur auf dem laufenden), welche Konsequenzen aus der angestrebten Strafrechtsreform für die Ordnung der Gesellschaft erwachsen könnten.

Ich hatte – sieht man vom Nachfüllen der Gläser ab – bis zum Aufbruch meiner Gäste ausgesorgt. Vergnügt konnte ich einen geistreichen Streit über Sinn und Wert einiger Stücke unseres Wissensbestandes für die „Bildung“ verfolgen und dabei auch alle jene schöne Redensarten registrieren, die sich in ministeriellen Richtlinien für die Schulen und in den Reden bedeutender Staatsleute – die von Dr. Hans-Christoph Seebohm ausgenommen – so gut ausnehmen. Von der „abendländischen Überlieferung“ war häufig die Rede, auch vom „Bildungswert“ der „humanistischen Bildung“, von der auszeichnenden Würde, der man beim Durchdringen der „abendländisch-christlichen Kultur“ teilhaftig werde, und schließlich von der modernen Spezialisierung, die alle „menschlichen Werte“ töte. Als ich schließlich doch keine befriedigende Auskunft über meine „Anliegen“, die echten, erhielt – so gebildet bin ich nun doch, um das beurteilen zu können –, meinte ich, wir wären eben doch nur „halbgebildet“.