Von Ulrich Blumenschein

Am 4. Februar 1964 unterzeichnete VW-Chef Nordhoff in Wolfsburg den Vertrag, der seinem Industrie-Imperium einen weitläufigen ostfriesischen Kohlacker einverleibte. Schon am 1. März rückten Bauarbeiter und Dampframmen an, um das Feld in eine Großbaustelle, zu verwandeln. Anfang Dezember konnte Nordhoffs ostfriesischer Statthalter die Betriebsbereitschaft des jüngsten VW-Werkes nach Wolfsburg melden und Mitte vergangenen Monats begann die neue VW-Dependance am Ostufer des Dollart unweit Emden bereits Käfer-Autos auszuspucken. Die Volkswagenwerk AG hatte einen neuen Rekord aufgestellt: Neun Monate Bauzeit für ein komplettes Montagewerk mit einer Tageskapazität von 450 Wagen.

Der Bau des neuen Opel-Werkes Bochum, in dem 1962 die „Kadett“-Produktion anlief, dauerte immerhin fast zwei Jahre. Und Ford-Köln brauchte für das 1964 fertiggestellte Zweigwerk im belgischen Genk von der Grundsteinlegung bis zur Einweihung rund zwanzig Monate. In beiden Fällen handelte es sich allerdings um Fabriken, die größer und komplexer sind als das neue VW-Werk Emden.

In Bochum baute Opel für eine Milliarde Mark ein weitgehend autonomes Automobilwerk, in dem nicht nur täglich rund tausend „Kadetten“ montiert, sondern auch praktisch alle Teile für diese Wagen gefertigt werden. Beim Ford-Zweigwerk in Genk laufen Pressen und Montagebänder für die Taunus-12-M-Produktion, und nur die Motoren werden von auswärts zugeliefert.

Im VW-Werk Emden dagegen wird nur montiert und kaum produziert. „Bei uns werden lediglich Sitze und Kabelsätze gefertigt, alle anderen Teile für den VW 1200 werden in Spezialbehältern angeliefert“, erläutert Betriebsleiter Dr. Ing. Lütgens, der nach dem Firmen-Usancen nicht Betriebswirt, sondern Techniker ist. Ein fahrplanmäßiger Bundesbahnzug schleppt den Tagesbedarf heran:

  • Karosseriepreßteile aus der Produktion des Stammwerks Wolfsburg,
  • Motoren aus dem VW-Werk Hannover,
  • Getriebe aus dem Zweigwerk Kassel und
  • Vorderachsen aus der VW-Filiale Braunschweig.

Auf konventionelle Weise, in sogenannten Aufbauböcken, werden die Wolfsburger Preßteile zu Käferkarossen zusammengeschweißt. Die Verwendung kostspieliger Karussellschweißmaschinen, die in Wolfsburg diesen Arbeitsgang weitgehend automatisch ausführen, lohnt sich bei dem Tagessoll von 450 Wagen noch nicht. Eine der Emdener Hallen beherbergt die Lackiererei, eine weitere die Wagenfertigmontage. Hinzu kommen noch die Prüfstände für die Endabnahme der Volkswagen „made in Emden“.