Wer selbst auf dem Punkte der Existenz steht, um welchen der Dichter sich spielend dreht, dem können die Gaukeleien der Poesie, welche aus dem Gebiet der Wahrheit ins Gebiet der Lüge schwankt, weder genugtun, weil er es besser weiß, noch können sie ihn ergötzen, weil er zu nah steht und vor seinem Auge kein Ganzes wird.

Goethe an Carl August (über Egmont)

Selbst ist der Student

Die Studenten der Universität Graz versuchen, dem Mangel an wissenschaftlichen Hilfskräften an ihrer Universität auf eigene Faust zu steuern: Der Fachschaftsvertreter der Philosophischen Fakultät stellte den Antrag, daß die österreichische Hochschulschülerschaft die Bezahlung eines Assistentenpostens für die pharmazeutische Chemie (auf dessen Einrichtung man seit Jahren gewartet hatte) für ein Jahr übernehme. Falls die Genehmigung (der ja, da die Studenten selber zahlen wollen, nichts entgegenstehen dürfte) erteilt wird, wird diese Stelle schon im Januar 1965 besetzt werden. Eine Subventionsaktion, die die Realisierung des Planes möglich machen soll, ist bereits von den Studenten eingeleitet.

USA-Stipendien

Auf Grund des neuen Abkommens zwischen den Regierungen der Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik Deutschland kann die deutsche Fulbright-Kommission auch für das Studienjahr 1965/66 wieder etwa 100 Reisestipendien vergeben. Anders als in früheren Jahren müssen Bewerbungen bereits bis zum 15. Januar 1965 bei der Fulbright-Kommission, Bad Godesberg, Theaterplatz 1a, eingereicht werden. Die Reisestipendien decken die Hin- und Rückfahrt vom Heimatort in Deutschland zum Hochschulort in Amerika. Bewerben können sich Studenten und Jungakademiker, die ein ganzes Studienjahr an einer amerikanischen Hochschule (Universität oder College) studieren wollen und deren Aufenthalt aus anderen Quellen finanziert wird.

Christen in der Sowjetunion

Nicht zufällig zwischen Weihnachten und Neujahr erschien in der Moskauer „Literaturnaja gaseta“ ein Artikel, der sich mit der heimlich schwelenden Religion und dem Atheismus in der UdSSR beschäftigt. „Der Mensch“, so schreibt Larissa Krjatschko, „kann nicht leben mit einer Leere im Herzen, er braucht ‚höhere Prinzipien‘, er braucht eine ‚Idee‘.“ Bei sozial unentwickelten Menschen könne dies Bedürfnis durch Religion befriedigt werden. Aber man müsse den Leuten helfen, damit sie sich klar werden über die moralischen und philosophischen Armseligkeiten der Religion. Wie stellt man es an, so fragt die Autorin, daß der Mensch, den das Leben zum Krüppel gemacht hat, sich nicht eine jenseitige Seligkeit vorgaukelt? Wie macht man es, daß demgegenüber die Arbeit zur Freude wird, zum echten Lebensinhalt und Lebenssinn? Gerade hier brauche man die Hilfe der schönen Literatur. Hier sei der hauptsächliche Trumpf der Literatur: wenn sie für die Befreiung der Menschen aus der Knechtschaft kämpft. – Aus derartigen Argumenten kann man leicht zurückschließen auf ein religiöses Leben in Rußland, ein rudimentäres, illegales, geheim wucherndes – wie auch immer. Nur-sollte man den bundesdeutschen Fehler vermeiden, solche Erscheinungen aufzubauschen: Der Atheismus in Rußland stürzt dadurch noch nicht.