Nehmt nur, nehmt nur, die sind gut, das sind selbstgemachte! fordert er uns auf und schiebt die Dose mit den dürren ältlichen Keksen über den Tisch. Im warmen Licht der Petroleumlampe wirkt es freundlicher als am Tage, das kleine Zimmer im Hospital von Lambarene, in dem Albert Schweitzer seit über fünfzig Jahren wohnt. Wir kommen gerade vom Abendessen, das nach altem Lambarene-Ritus mit Bibelinterpretation und Choralgesang zelebriert wurde, und sitzen jetzt um den großen Tisch.

Aufs Politische geht es zunächst, und da ist bald zu merken, daß der alte Herr nächst Goldwater, dem er einige böse Worte nachschickt, noch einen andern gar nicht leiden mag: Das ist der „Zwei-Meter-Lange“, de Gaulle nämlich, den er nie beim Namen nennt. Er kreidet ihm vor allem an, daß er Frankreich mit dem Segen einer eigenen Atomrüstung beglücke, „dieses dumme Projekt, das das Land auch finanziell ruinieren wird“.

Er berichtet, er sei der erste gewesen, der Kennedy seinerzeit zum Abschluß des Moskauer Atomteststoppvertrages gratuliert habe, und stolz erwähnt er, daß Kennedy seinen Brief vor dem Senat und der Öffentlichkeit verlesen habe. Von Amerika sagt er im übrigen mißbilligend, daß es ihn bei einem Besuch behandelt habe, „als wäre ich ein Filmstar gewesen“. Aber Kennedy, der hatte es auch ihm angetan. „Ja, der Kennedy, das war ein kluger Kopf, jaja. Aber ein wenig jung ist er noch gewesen; er hatte kein Maß und wollte sich deshalb noch das Juwel in die Krone setzen.“ Mit dem „Juwel“ meint er, wie sich erst später herausstellt, die Bürgerrechtsvorlage, die Kennedy durchbringen wollte. Das sei zuviel gewesen, und genau das sei der Grund seiner Ermordung.

Dann kommt er auf das neue USA-Bürgerrechtsgesetz selbst zu sprechen. Und zu unserem Erstaunen ist er mit den neuen Bürgerrechten durchaus nicht einverstanden. Er argumentiert mit dem bekannten Hotelbesitzer, den kein Gesetz hindern dürfe, selbst zu entscheiden, welche Personen er aufnehmen wolle. „Und dieser eine Neger, wie heißt er noch“ – er meint Meredith – der habe doch nun ganz dumm und töricht gehandelt. Sich jahrelang unter dem Schutz von Bewaffneten den Zugang zu einer weißen Universität erzwingen zu wollen! Er verstehe nicht, so sagt er, was denn die amerikanischen Neger überhaupt wollten: sie hätten doch „gut zu essen“ und könnten zufrieden leben; jedenfalls ginge es ihnen sehr viel besser als den Leuten hier im Gabun. Auch die Sklaverei, früher, in den Südstaaten, sei doch so schlimm wohl gar nicht gewesen.

Nur eine Erklärung ist möglich: So spricht ein Mann, der nicht nur Harlem noch nicht gesehen hat und sich deshalb nicht vorstellen kann, „was die denn eigentlich wollen“ – sondern dem nach fünfzig Jahren Umgang mit den Eingeborenen Afrikas, nach fünfzig Jahren Ärger und immer neuer Enttäuschung sein Idealismus abhanden gekommen ist. So ungern es das Heervolk der Bewunderer Schweitzers hören wird: Albert Schweitzer ist an seinem Lebensabend der schwarzen Rasse, der zu helfen er einst mit so viel gutem Willen auszog, müde geworden. Das endliche Resignieren am völligen Anderssein der afrikanischen Mentalität scheint für jeden Weißen in Afrika ein unvermeidlicher Prozeß zu sein.

Gegen Ende kommt unser Gespräch auf den Krieg im benachbarten Kongo und die damit verbundenen Ausschreitungen. Einer von uns bringt das im Lande umlaufende Histörchen vor, wonach der derzeitige Präsident der Republik Gabun, Leon Mba, noch einen Angehörigen bei einer kultischen Feier verspeist haben soll. Was denn der Doktor davon hielte? Er hält nicht viel davon. Nein, der Mba, den er schon als kleines Bürschchen auf der nahegelegenen Missionsschule gekannt habe, „das war ein lieber Bub“, der täte so etwas bestimmt nicht.

Ob ihm denn während seines langen Lebens in Lambarene irgendwelche Fälle von Kannibalismus zu Ohren gekommen seien, fragen wir ihn schließlich. Und mit verschmitztem Lächeln gibt der alte Herr uns eine wohlbedachte Antwort: „Ich möchte nicht, daß man meint, ich hatte eine Meinung, was diese Dinge angeht.“

Jürgen Schick