Liebe Tochter,

Du solltest Dir den Pferdeschwanz nicht abschneiden lassen, sage ich Dir. Er ist so lang und schön und schwer und kupferbraun, daß mir zweierlei dafür vorschwebt. Erstens wäre es ein Notgroschen. Für schönes Haar zahlen die Friseure. Und zweitens: kennst Du vielleicht die Geschichte von dem Mädchen, das in seine Haare eingehüllt – und in sonst gar nichts – durch die Stadt ritt und sie dadurch rettete?

Du sollst keine Stadt retten, nur sehen, wie vielseitig verwendbar ein Pferdeschwanz ist. Außerdem ist Deiner Familieneigentum – Du stellst gut neun Zehntel des gesamten Haares der Familie. Wir müßten erst abstimmen über einen Antrag zur Genehmigung des Abschneiders, den Du immerhin stellen magst.

Es kann also auch nicht die Rede davon sein, daß Du aus eigenem Entschluß womöglich in einer Aufwallung haarsträubenden Zornes den Pferdeschwanz abschneidest. Und das sage ich in voller Würdigung Deines Wunsches, (a) allmählich erwachsen aussehen zu wollen und (b) nicht jeden Morgen beim Kämmen vor Anstrengung außer Atem zu geraten und dann ohne Kaffee den Bus zu versäumen.

Dein einsichtsvoller Vater macht nicht nur Worte, er läßt auch Taten sprechen. Nach Rücksprache über Friseurinterna mit Deiner einsichtsvollen Mutter erhöhte er Deinen Scheck um 37,50 DM, die Du zum Haarkünstler tragen würdest, wenn Deine borstigen, glanzlosen, unansehnlichen Pferdeschwanzreste regelmäßig gepflegt werden müßten: Dauerwelle, Legen, Schneiden – und Rumsitzen, Warten, Illustrierte lesen.

A propos: Was sagst Du zu unseren bebilderten Zeitschriften? Auch nach Krähwinkel gelangt zuweilen so ein Produkt unserer deutschen Verleger, die erfindungs- und listenreich wie Odysseus den Stern unseres materiellen Wohl- und kulturellen Hochstandes Woche für Woche immer aufs Neue Quick-lebendig Bunte Revue passieren lassen. Da hast Du, was man in der Branche „Die Großen Fünf“ nennt, und sie werden in Hamburg, Köln, München gemacht und keine in Berlin, wo früher einmal die beste ihrer Art entstand, die Berliner Illustrirte, der immer ein kleines „e“ im Titel fehlte und noch manches andere, wenn man sie mit Life oder Paris Match vergleicht. Aber diesem Vergleich hält auch sonst nichts stand. Warum?

Am Geld mangelt es nicht. Wie mir der grüne deutsche Tannenwald im Rücken unseres Häuschens unlängst zuraunte, will der Hamburger Massenblattkönig S. ein illustriertes Sonntags-Bild herausbringen, das an Auflage, Aktualität und Billigkeit alles andere schlagen soll.