Es scheint, als hätten weite Kreise bei uns überhaupt nicht zur Kenntnis genommen oder doch sehr erfolgreich verdrängt, daß das nationalsozialistische Deutschland auch die Zigeuner einer „Endlösung“ unterwarf, die mit Sterilisation begann und schließlich in die Konzentrationslager und Gaskammern führte.

Eine Ausrottung, die hier und in diesem Fall wohl umfassend und endgültig war, denn abgesehen von einzelnen versprengten. Familien und Stammesresten kann man heute in Mitteleuropa von einem Volk oder auch nur von Volksgruppen der Zigeuner nicht mehr sprechen.

Die Welt der Zigeuner ist seit jeher zu isoliert gewesen, der Kontakt zur jeweiligen Umgebung viel zu gering, als daß die Verfolgten auf Hilfe von irgendwoher hätten rechnen können, auf einen Beistand von außen, zumindest auf eine Kenntnisnahme des Unrechts, das ihnen geschah – oder daß sie hätten hoffen können, selber Ausweg und Rettung zu finden, um sich wenigstens einzeln oder in Teilgruppen den geplanten Vernichtungsmaßnahmen zu entziehen. Der nationalsozialistischen Verwaltungsmaschinerie gelang, was Jahrhunderten der Jagd auf die Ausgestoßenen und mit allen Formen von Bürgerhaß und Bürgermißtrauen Beladenen nicht gelungen war.

Wie hilflos und ausgeliefert diese Menschen waren, zeigt sich schon darin, daß es kaum Zeugnisse über Zigeunerschicksale in den Konzentrationslagern gibt – sie verschwanden, ohne ihr Leiden dokumentieren zu können. Und die Umwelt scheint keinen besonders großen Wert darauf gelegt zu haben, dies für sie zu tun.

Jetzt, in unseren Tagen, ist es fast ein Zufall, wenn man am Stadtrand einmal ein Wohnwagenlager entdeckt, in den Straßen den einen oder andern sieht, der sich als Zigeuner identifizieren läßt nach Kleidung und Gebaren. Bisweilen stößt man in den Illustrierten auf eine Reportage über ihre jährliche Wallfahrt nach Saintes-Maries-dela-Mer – und ist folkloristisch gerührt. Ab und an, jedoch selten, bringen Zeitungen die Notiz, daß es in einer deutschen Kleinstadt Auseinandersetzungen zwischen den Einwohnern und Zigeunern gegeben habe, sogar Gewalttätigkeit mitunter; man findet das nicht schön und verteilt die Schuld möglichst gerecht auf beide Parteien. Oder billigt doch immerhin den Zigeunern mildernde Umstände zu, die man zwar genauer nicht definieren könnte. Das ist alles. Und rasch ist es vergessen.

Entsprechend steht es mit der Literatur über Zigeuner bei uns, soweit es sich jedenfalls um ernsthafte und brauchbare Informationsquellen handelt. Bisher gab es da eigentlich nur das Buch von Walter Starkie, das allerdings mehr eine bunte Sammlung von anekdotischem Material ist als eine gründliche und methodische Darstellung (wenn auch sehr reich an Auskünften über Gebräuche, Gewohnheiten, mystische und mythologische Vorstellungen). Wollte man sich einen weniger fragmentarischen, zufälligen, weniger subjektiven Überblick über die Geschichte der Zigeuner verschaffen, war man auf ausländische Publikationen angewiesen.

Inzwischen ist nun eine ethnologische Studie erschienen, die Arbeit eines jungen französischen Autors, deren Übersetzung bei uns ein wenig die Lücke ausfüllt; zumal in ihr Anteilnahme und Distanz der Betrachtung recht gut ausgewogen sind –