Von Josef Müller-Marein

Der Polizeibeamte glaubte, ich sei unkorrekt gefahren („falsch eingebogen“, sagte er). Erhielt mich an und brachte mich aufs Revier. Ein Polizeiarzt nahm die Blutprobe. Ehe ich am Gerichtstag auf der Anklagebank Platz nahm, wurde der Fall eines Mannes behandelt, der sich verlobt und ein Auto gekauft hatte. So ausgerüstet war der Neuling nach einem heiter verbrachten Abend in einen Blumenladen gefahren. Daß er dabei Geschmack bewiesen hatte – denn es hätte ja auch ein Fleischerladen sein können – spielte bei der Strafbemessung keine Rolle. Übrigens erhielt ich eine gleich hohe Strafe wie er, obwohl ich keine Blumentöpfe zerschmettert hatte und auch nicht, wie der als Zeuge vorgeladene Polizist jetzt bekundete, falsch eingebogen war. Ich hatte ganz und gar nichts falsch gemacht. Allerdings, der Alkohol!

Ob ich noch etwas vorzubringen habe? Ich sagte, ich hätte in den vergangenen Jahrzehnten mehr als eine Million Kilometer am Steuer zurückgelegt, ohne dabei – ob mit, ob ohne Alkohol im Blut – einem Mitmenschen Schaden an seinem Leben und seiner Gesundheit oder an seinem Blech zugefügt zu haben. Nicht einen einzigen Kratzer! Der Richter konnte darauf keine Rücksicht nehmen und legte meinen Fall ad acta mit den Worten: „Bedanken Sie sich beim Bundestag.“

Damals war das Gesetz gegen Beschwipste am Steuer noch neu, und mein Name war denn auch einer der ersten, die in die Flensburger „Verkehrssünderkartei“ eingetragen wurden. Und daß man neuerdings bestraft wurde für etwas, was man gar nicht veranstaltet hatte, aber veranstalten könnte (nämlich einen Unfall), das regte viele Leute auf. Mittlerweile sagt die Statistik, daß die Fälle von Trunkenheit am Steuer nicht nachgelassen, sondern noch zugenommen haben. Also beschlossen die Abgeordneten in Bonn eine Verschärfung des Gesetzes, so daß Autofahrer heute auch dann, wenn sie nichts Böses angerichtet haben, aber anrichten könnten. unter Umständen ins Gefängnis wandern müssen. Dank dem Bundestag! Dabei wäre es ratsam, die Gefängnisstrafe anfangs nicht zu häufig anzuwenden, weil Zellen, Schlösser, Riegel und Gitter fehlen, sondern den potentiellen Übeltätern hohe Geldbußen aufzubrummen, von deren Ertrag man ausreichende Gefängnisse errichten könnte. Dies nebenbei.

Anläßlich des neuen, Anfang Januar in Kraft getretenen Gesetzes ist wieder an einen älteren Passus erinnert worden, der nicht nur vor dem Alkohol warnt, sondern auch vor „berauschenden Mitteln“ ganz allgemein. Aber während noch keine Skala populär geworden ist, die uns über die Art und Menge dieser „Mittel“ etwas sagt, (kann es beispielsweise der Inhalt der Spritze sein, die man soeben beim Zahnarzt empfangen hat?), weiß jedermann, was der Ausdruck „Einskommafünf Promille“ bedeutet. Und hier ist der Streit immer noch in vollem Gang. Die einen sagen, Fahruntüchtigkeit läge schon bei „Nullkommafünf“ vor, und das bundesdeutsche Gesetz sei noch großzügig, wenn man bedenke, daß es im österreichischen heißt: „Bei einem Blutalkoholgehalt von nullkommaacht gilt der Zustand einer Person als vom Alkohol beeinträchtigt.“

Die Gegenstimmen erwidern, daß die Menschen verschieden seien. Der eine vertrüge halt mehr als der andere. Und überdies werde Leichtsinn am Steuer nicht nur durch den altbekannten Alkohol und durch geheimnisvolle Drogen, sondern beispielsweise auch von Frühling und Sonnenschein oder Erregungszuständen aller Art entfacht, wie Zorn über den Bundestag, Büroärger oder sogar durch die Begierde, einem jungen Mädchen durch fabelhafte Verwegenheit zu imponieren. Es ist oft beobachtet worden, daß stark alkoholisierte alte Routiniers völlig korrekt fuhren, während junge Fahrer, die stocknüchtern varen, sich im Zustande der Fahruntüchtigkeit befanden: ein Zustand, den sie einzig und allein einer Art von Auto-Enthusiasmus verdankten.

Und nicht bloß die Menschen – auch ihre lahrzeuge sind verschieden. Das eine Auto wird schon zum lebensgefährlichen Geschoß, wenn es bei gesetzlich erlaubter Geschwindigkeit eine Kurve nimmt, während ein anderes – beispielsweise ein tiefliegender Sportwagen – an derselben Stelle mit viel höherem Tempo ohne jeglche Gefahr dahinrollen könnte. Auch dies haben die Gesetzgeber offensichtlich nicht bedacht, cbwohl man annehmen darf, daß sie von Verkehrssachverständigen beraten wurden.