Paris, im Januar

Der ungarische und der rumänische Außenminister gaben sich in diesen Tagen in Paris die Tür in die Hand. Beide mit fast denselben Abschieds- und Begrüßungsworten: „Stärkung unserer kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen Erwiderung des Interesses, das General de Gaulle den sozialistischen Staaten Osteuropas entgegenbringt.“ Die Rumänen, die ein Kulturabkommen unterzeichneten und die jetzt noch Finanzminister Giscard d’Estaing zur Unterzeichnung eines Wirtschaftsvertrages in Bukarest erwarten, haben im vergangenen Juli den Reigen eröffnet. Es ging mit tschechischen und bulgarischen Besuchen weiter und wird wahrscheinlich im Laufe des Jahres durch Gegenbesuche von Außenminister Couve de Murville abgerundet.

Die einzigen, die noch in der Reihe fehlen, sind – ausgerechnet – die Polen. Das ist kaum mehr als ein Zufall. Außenminister Rapacki, der auf dem Rückweg von der UNO über Paris kam, konnte schlecht dem Hausherrn des Quai d’Orsay einen Besuch machen, ohne dabei seinen Disengagement-Plan vorzutragen und damit gleich die erste Begegnung einem Mißklang auszusetzen. Denn der Rapacki-Plan ist für die gaullistische Außenpolitik kein Gesprächsstoff. Hier scheiden sich die Geister. So gern de Gaulle neutrale Strömungen in anderen Weltgegenden unterstützt – in Europa nicht. Oder muß man sagen: noch nicht?

Seine Bemühungen um die Satellitenstaaten gehen, wie man weiß, von der Vorstellung aus, daß sich die großen Blöcke in der Auflösung befinden, daß die Geographie, und damit die nationalen Interessen, wieder ihren Platz im politischen Denken beanspruchen auf Kosten der Ideologien, kurz, daß die Welt, wie man sagt, polyzentrisch wird. Er spricht auch nicht mehr von Satelliten, außer in bezug auf Pankow.

Man ist mit Recht gewohnt, den russischchinesischen Gegensatz als das auslösende Moment dieser Entwicklung im Ostblock anzusehen.

Kann man nicht, so fragt sich de Gaulle offenbar, die Zweifel, die innerhalb der beiden großen Blöcke an ihren jeweiligen Führungsmächten aufkommen – und die durch die Geheimpolitik zwischen Washington und Moskau immer neu genährt werden – kanalisieren? Weisen nicht Geographie und Geschichte den Fragen, die östlich und westlich des Eisernen Vorhangs, dort leiser, hier lauter, gestellt werden, eine gemeinsame Richtung? Sucht Europa sich nicht über die Ideologien hinweg? Muß man den europäischen Völkern vielleicht nur helfen, sich dieser Tatsache bewußt zu werden? – Welche Aufgabe, welche Möglichkeiten für Frankreich!

Wer die Äußerungen und Gesten de Gaulles über Jahre verfolgt, kann nicht zweifeln, daß dies eine Richtung seines Denkens ist. Er geht behutsam vor, denn er rechnet mit einer langsamen Entwicklung und mit dem wachen Mißtrauen Moskaus. Von seinen längeren Kreditfristen im Handel mit Osteuropa profitierte zunächst die Sowjetunion. Sie wird auch, wie der letzte Besuch von Informationsminister Peyrefitte zeigte, gelegentlich ebenso umworben wie ihre Satelliten.