Von Peter Adam

In die ein wenig altmodisch-pompösen Räume der Brüsseler Börse ist wieder Ruhe eingekehrt, nachdem Makler und Publikum in den letzten Wochen des alten Jahres so plötzlich aufgeschreckt worden waren. Das Ringen zweier Gewaltiger aus der Welt der Hochfinanz hatte Ende November plötzlich ein Unternehmen in den Mittelpunkt gerückt, dessen Aktie bis dahin nur wenig beachtet worden war: die Sofina.

Im vornehm-ruhigen Bürogebäude an der Brüsseler Rue Royale, wo die Société Generale de Belgique ihren Sitz hat, macht man sich nun, da die Schlacht geschlagen ist – die „sensationellste Finanzoperation“ meinte das sonst so zurückhaltende „Echo de la Bourse“ – Gedanken darüber, welche unternehmerische Konzeption man mit der Neuerwerbung verwirklichen kann. Die Société Financiere de Transport et d’Entreprise Industrielle, kurz Sofina genannt, ist eine der internationalen Finanzgesellschaften, die Beteiligungen in aller Welt haben. Bei der Sofina sind es hauptsächlich Kraftwerke und Transportunternehmen, ein Wert von achteinhalb Milliar– den belgische Francs.

Der Kampf um die Sofina ist ein neues Kapitel in dem Bemühen der Finanzwelt, sich gute Ausgangspositionen für die kommende europäische Entwicklung zu sichern. Die Aktion fiel just in jene Zeit, als eine französische Finanzgruppe, an der auch Baron Edmond de Rothschild beteiligt ist, über eine Beteiligung an der Investitions- und Handelsbank in Frankfurt verhandelte. Es fehlte in Brüssel nicht an Stimmen, die bei der Sofina-Aktion von einer Niederlage der Rothschilds gegen amerikanische Interessen sprechen. Das ist falsch, nur ein Körnchen Wahrheit ist daran.

Schlüsselfigur ist der noch nicht vierzig Jahre alte Baron Léon Lambert, Chef des gleichnamigen Bankhauses, dessen enge Beziehungen zum französischen Zweig der Familie Rothschild bekannt sind. Schließlich wurde die Bank vor 130 Jahren als eine „Agentur“ des Hauses Rothschild gegründet.

Mitte November startete der tatendurstige Baron einen Überrumpelungsversuch, indem er ein öffentliches Kaufangebot abgab, 250 000 Sofina-Aktien zum Kurs von 11 000 belgischen Francs aufzukaufen. Das Papier wurde zu dieser Zeit mit einem Kurs zwischen 8500 und 9000 gehandelt. Die Börse reagierte hektisch und notierte Sofina bald mit 10 800.

Nur ein Formfehler verhinderte, daß Lambert sein Ziel erreichte, die 250 000 Aktien den 100 000 Sofina-Aktien im Besitz seiner „Compagnie d’Outremer“ zuzuschlagen und damit die Mehrheit der 627 000 nennwertlosen Sofina-Aktien zu besitzen.