Der Börsenauftakt des Jahres 1965 war verheißungsvoll! Ausgehend von den Standardaktien des Chemie-Marktes kam es fast überall zu steigenden Kursen. Käufer waren neben dem sogenannten Berufshandel, der sich immer noch durch die angekündigten Gratisaktien bei den Farbenfabriken Bayer anregen ließ, vor allem die Investment-Gesellschaften, die zum Jahresschluß einen überraschend guten Absatz ihrer Zertifikate zu verzeichnen hatten. Teilweise zurückzuführen auf das prämienbegünstigte Wertpapiersparen, das an Beliebtheit gewinnt. Richtig feste Börse gab es jedoch erst, als sich die Kaufaufträge aus der Schweiz häuften. Aus den täglichen Börsenumsätzen wird aber leicht ersichtlich, daß sie keinen sensationellen Umfang hatten. Die zeitweise feste Tendenz war vielmehr eher eine Folge des Materialmangels, wie er eigentlich immer zum Jahresbeginn zu beobachten ist. Weder Banken oder der sogenannte Berufshandel, noch die Kundschaft sehen am Jahresanfang eine besondere Notwendigkeit, sich von Aktien zu trennen, zumal die nicht unberechtigte Hoffnung auf einen langsamen Anstieg der deutschen Aktienkurse besteht.

Auch der Rentenmarkt hat von internationalen Fluchtgeldern so gut wie nichts zu spüren bekommen. Die angedrohte Kuponsteuer auf den Rentenbesitz „Gebietsfremder“ tut hier ihre angestrebte Wirkung. Wenn überhaupt, so interessieren sich die ausländischen Anleger für D-Mark-Anleihen ausländischer Emittenten, auf die keine 25prozentige Kapitalertragsteuer erhoben werden soll. Als Schutz vor allgemeinen Währungsabwertungen erfüllen sie für die Ausländer voll und ganz ihren Zweck, ohne die deutsche Zahlungsbilanz zu belasten. Kapitalsuchende Stellen des Auslandes werden diese Situation ausnutzen; eine neue Osaka-Anleihe ist bereits in Vorbereitung.

Eine große Enttäuschung für die deutsche Börse war das Verhalten der amerikanischen Anleger, hauptsächlich der amerikanischen Investment-Fonds. Seit Erlaß der amerikanischen Zinsausgleichssteuer, die für die Amerikaner beim Kauf ausländischer Aktien eine Sonderbelastung von 15 Prozent bringt, fließen europäische Aktien aus den USA nach Europa zurück, eine Bewegung, die nun schon fast zwei Jahre anhält, und jetzt wieder einmal den Anstieg der deutschen Aktienkurse bremste. Anfangs nahm man die Verkäufe auf die leichte Schulter und glaubte lediglich an steuerliche Manipulationen. Sie mögen in dem einen oder anderen Falle auch eine Rolle gespielt haben. Den Ausschlag haben aber Überlegungen gegeben, die davon ausgehen, daß die große Wachstumsperiode in Europa vorüber ist und die besseren Chancen für die Anleger in den USA selbst liegen. Die Entwicklung der letzten beiden Jahre hat den amerikanischen Anlagegesellschaften recht gegeben. Das Abstoßen europäischer Papiere fiel um so leichter, als sich von der Politik her eine nicht zu übersehende Europamüdigkeit einstellte.

So haben wir jetzt das zwiespältige Bild, daß sich ein Teil des amerikanischen Kapitals aus Europa zurückzieht, ohne daß dadurch die Neigung großer amerikanischer Konzerne, sich in Europa maßgeblich zu engagieren, eine Änderung erfährt. Also keine Europamüdigkeit dort, wo mit Hilfe von Dollars einflußreiche Marktpositionen eingenommen werden können, aber kein Interesse mehr an reinen Kapitalanlagen.

Immerhin weiß die Börse jetzt, woran sie ist. Sie wird mit besonderer Wachsamkeit jene Papiere beobachten, die in der Vergangenheit von den Amerikanern als Anlagewerte bevorzugt worden sind. Dazu gehören vor allem die Aktien der Großchemie, AEG, Siemens, RWE, Commerzbank, Dresdner Bank und VW. Die Deutsche Bank hat seit jeher wenig Wert auf eine Placierung ihrer Aktien im Ausland gelegt und auch an keiner ausländischen Börse ihre Zulassung beantragt. Das kommt ihr jetzt bei der Kurspflege ihrer eigenen Aktien zugute.

Doch trotz der „amerikanischen Gefahr“ sieht die Börse für die Standardaktien keineswegs schwarz. Gerade die führenden deutschen Aktiengesellschaften sind es nämlich, die im vergangenen Jahr kräftig expandierten und mit dem Umsatz auch ihre Gewinne steigerten. Vom reinen Anlagestandpunkt her betrachtet, verdienen ihre Aktien also gekauft zu werden. Vor allem bieten sie auch spekulative Chancen, wie das Beispiel der Farbenfabriken Bayer zum Jahresschluß gezeigt hat. Die Börse stellte inzwischen eine Liste derjenigen Gesellschaften zusammen, bei denen ebenfalls Gratisaktien möglich sind. Obenan steht neben BASF, wo die Verhältnisse ähnlich liegen wie bei Bayer, das Volkswagenwerk. In Wolfsburg selbst scheint man einer solchen Aktion mit viel Reserve gegenüberzustehen. Kein Wunder, denn die Verwaltung ließ bisher keine Gelegenheit vorübergehen, zu betonen, daß das jetzige Aktienkapital von 600 Millionen Mark schon auf Zuwachs zugeschnitten ist. Ein Bonus oder eine „echte“ Dividendenerhöhung von 16 auf 18 Prozent würde vermutlich eher auf der Wolfsburger Linie liegen. Deshalb setzt die Börsenspekulation alle Hoffnungen auf den Großaktionär Bund, dem unterstellt wird, ihm läge viel daran, daß die auszugebenden Veba-Volksaktien nicht etwa mit dem Verkaufserlös von VW-Aktien gezeichnet würden.

Lebhafte Spekulationen gibt es auch bei den Großbankaktien. Die Reservepolster der großen Bankinstitute sind so ansehnlich, daß den Banken ihre teilweise Umwandlung in dividendenberechtigtes Aktienkapital wohl zuzumuten wäre, auch unter Berücksichtigung der besonderen Risiken, die dem Bankgeschäft anhaften. Die Verfechter solcher Ideen bedienen sich dabei teilweise jener Argumente, die von den Bankvorständen bei der Verteidigung der beträchtlichen stillen Reserven vorgebracht werden. Jede Bank, so hieß es bislang, brauche stille Reserven, um Risiken ohne Vertrauensschaden in aller Stille abdecken zu können. Die offenen Rücklagen könne man dazu nicht heranziehen. Das ist auch unbestritten. Aber wenn dem so ist, so heißt es an der Börse, dann gibt es keinen Grund, die ohnehin nicht antastbaren offenen Rücklagen wenigstens teilweise in Aktienkapital umzuwandeln, und wenn es nur in Form von Stockdividenden geschieht, wie es die Vereinsbank in Hamburg im Jahre 1961 unter allgemeinem Beifall ihrer Aktionäre vorexerziert hat. Am ehesten wird der Dresdner Bank ein Bruch mit der bisherigen Dividendentradition von 16 Prozent zugetraut. Bis zu den Bilanzsitjungen der Großbanken Ende März/Anfang April dürfte es deshalb spekulative Erscheinungen auf dem Bankenmarkt geben, dies um so mehr, als mit Sicherheit ausgezeichnete Abschlüsse für 1964 erwartet werden können, die das Anlagerisiko auf ein Minimum herabsetzen. Echte Kapitalerhöhungen sind bei den Großbanken in diesem Jahr jedoch unwahrscheinlich. Sie wird es jedoch bei einigen Hypothekenbanken geben. Durch den flotten Absatz der Pfandbriefe und Kommunalobligationen ist es vielen Instituten trotz hoher Rücklagenzuweisungen nicht mehr möglich, sich den für das 1965er Geschäft ausreichenden Spielraum innerhalb der Umlaufsgrenzen selbst zu schaffen.