Man vermutet hinter dem Titel „Picassos Guernica“ den Versuch einer Deutung, die nicht einmal so überflüssig wäre, wie diejenigen meinen, die das wahrscheinlich berühmteste Gemälde des zwanzigsten Jahrhunderts genau zu kennen und zu verstehen glauben. Man findet aber in dem Buch von Rudolf Arnheim, das gewiß zu den wichtigsten Picasso-Publikationen zählt, etwas viel Besseres: den authentischen, an Hand der Abbildungen exakt nachprüfbaren Bericht über die Entstehung des Bildes. Arnheim veröffentlicht zum ersten Male sämtliche einundsechzig Vorstudien zu „Guernica“, die sich ebenso wie das Genälde selbst im Museum of Modern Art befinden. Die ersten Studien, darunter die abgebildete Kompositionsstudie, Bleistift auf Holz mit Krei-

degrund (Format 64,7 mal 53,6 cm), sind vom 1. Mai 1937 datiert. Die letzte ist der bekannte „Kopf einer weinenden Frau mit Taschentuch“ von Mitte Oktober 1937. Das fertige Bild ist auf einem Faltblatt reproduziert, man kann es herausklappen und die einzelnen Skizzen, Studien, Varianten mit der definitiven Fassung vergleichen.

Schon auf der frühen Kompositionsstudie Sieht man die Hauptfiguren des Dramas: Stier und Pferd, den Krieger, die Lichtträgerin. Arnheim analysiert, ohne sich in Spekulationen über den Sinn des Ganzen zu verlieren, die konstanten und variablen Größen und ihr Verhältnis zueinander. „Sind Änderungen der den Personen zugewiesenen Gefühle eingetreten? Haben Gefühle ihre Träger gewechselt? Wie dauerhaft waren die Beziehungen zwischen Gefühlen und, Haltungen während des schöpferischen Prozesses?“ Die Ergebnisse sind einleuchtend, sie widersprechen in vielen Details der landläufigen Ansicht.

Als Beispiel sei auf die Rolle des Stiers verwiesen. Man kann Guernica und Picasso nicht gründlicher mißverstehen, als wenn man den Stier für das Symbol der Aggression und Brutalität, des Faschismus und Franco-Spaniens nimmt, wie das in vielen Picasso-Büchern geschieht, auch bei prominenten Autoren. Der Spanier Picasso liebt den Stier viel zu sehr, um ihm eine negative Symbolik aufzubürden. Der Stier meint gerade die Unerschütterlichkeit, die unbesiegbare Kraft des Volkes, er steht außerhalb des Unheils, ein Garant der Zukunft. Daß neben solchen inhaltlichen Aspekten auch formale Gründe die Variabilität der Bildelemente bedingen, wird von Arnheim an den einzelnen Kompositionsstadien anschaulich nachgewiesen.

Die deutsche Ausgabe, aus dem Amerikanischen übersetzt von Harro Siegel, ist bei Rütten & Loening, München, erschienen (142 S., 44,– DM). Gottfried Sello