WESTDEUTSCHER RUNDFUNK

10. Januar, die Musiksendung:

Was wollen Sie mit Ihrer Arbeit bewirken? Wie wollen Sie diese Wirkung erzielen? Mit welchen Widerständen rechnen Sie? Welche Fehler glauben Sie vermeiden zu müssen? Diese Fragen hatten Rundfunkmänner in München, Freiburg, Detmold, Hamburg, Köln, Ost- und Westberlin den dort studierenden Kompositionsschülern gestellt, „jungen Künstlern im Aufbruch zu sich selbst und zu ihrem Werk“, wie man sie titulierte.

Von sich selbst bekundeten die Frager, daß ihr „Angebot des Versuchs, von einem neuralgischen Punkt wie dem des Blickpunktes junger Künstler zu einer Sichtung der Gesamtlage beizutragen, Interesse voraussetzt im wörtlichen Sinne des Dazwischenseins“Dem Hörer bleibe, so hieß es weiter, überlassen, was aus dem Resümee der Umfrage zur Gesamtlage zu subsummieren sei“, da ja „von den divergierenden Erklärungen der Werkwirklichkeit in des Doppelbegriffs verflochtenemSinn durchaus diametrale Grundanschauungen zur Musik und zum Komponieren in dieser Zeit abzulesen“ seien. Getrost durfte man nach solcher Einleitung sowohl auf die Antworten wie auf die Art, wie sie formuliert wurden, gespannt sein.

Es bleibt ein Leichtes, zu erraten, wo jemand mit seiner Arbeit „im Sinne eines kulturellen Fortschritts wirksam“ sein und sich dazu „auf praxisverbundene Arbeiten konzentrieren“ will. Schwieriger – und indifferenter – schon: „Mir erscheint das zweckfreie Mitarbeiten an geistigen Kristallisationen als eine der wichtigsten menschlichen Aufgaben.“ Erschreckend dann eigentlich: „Ich für meinen Teil gestehe, daß ich mit meiner Musik keinen Zweck verfolge.“ Und ganz besonders typisch die Antwort aus Köln: ‚Was ich mit meinen Kompositionen bewirken will? Nichts. Denn wer würde wohl allen Ernstes glauben, daß sich mit Kunst etwas bewirken ließe. Nimmer und nirgendwo auf dieser Erde bat die Kunst mehr sein wollen oder können als ästhetisches Amüsement.“ Soweit die „Ziele“.

Wie gelangt man zu diesen Zielen? Über die Flucht in die „Form“. Und: „Die Maihart muß stimmen“, „Äußerste Konzentration auf die mein kontrollierbare Sphäre des Handwerklich-Materiellen.“ Wen wundert’s, daß man dabei zum besagten „Nichts“ kommt.

Und die Widerstände? Ach, die böse Presse! ,Die Förderung der modernen Musik in Rundfunk und Presse ist außerordentlich einseitig und in Verdrehung der Perspektive auf die experimentelle Musik nachwebernscher Prägung konzentriert.“ Und das Publikum! „Ich rechne mit der Dummheit meiner verehrten Mitmenschen, mit der Borniertheit und mangelnden Bereitschaft, neue Musik erst einmal oder zweimal anzuhören.“ Schließlich scheitert alles am „Widerstand des reaktionären Musikers“ im Orchester.