E. W., Paris, im Januar

Die Volksfront in Paris“ verkündeten in der vergangenen Woche einige französische Zeitungen in Schlagzeilen, die geeignet waren, den Lesern das Gruseln zu lehren. Tatsächlich haben Sozialisten und Kommunisten im Bereich des Seine-Departements, also in der Stadt Paris und in ihren Randgemeinden, für die im März fälligen Gemeindewahlen ein Wahlabkommen geschlossen. Sie versuchen damit, ihre Position im „roten Gürtel“ der Stadt zu erhalten.

Von 39 großen Vorort-Gemeinden mit über 30 000 Einwohnern, in denen das neue Wahlgesetz eine Mehrheitswahl vorschreibt, haben heute 18 einen kommunistischen und 8 einen sozialistischen Bürgermeister, und von den 8 Sozialisten verdanken einige ihren Posten nur der kommunistischen Unterstützung. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, daß der Landesverband des Seine-Departements innerhalb der sozialistischen Partei Frankreichs besonders linksorientiert ist. Auch bei früheren Gemeindewahlen haben die örtlichen Organe zwischen dem ersten und zweiten Wahlgang Listenverbindungen mit den Kommunisten geschlossen.

Nichts anders geschieht jetzt. Die Listenverbindungen werden nur diesmal schon vor den ersten Wahlgang verlegt. Und das haben die Gaullisten mit dem neuen Wahlgesetz bewußt provoziert. Die Begründung, die Innenminister Frey dem Gesetz gab, läßt deutlich erkennen, daß man Parteien und Wähler zwingen will, zwischen rechts und links Farbe zu bekennen. Wahlbündnisse müssen vor dem ersten Wahlgang angekündigt werden.

In Marseille, in Grenoble, in Arras (wo Guy Mollet im Rathaus regiert), in Straßburg und in vielen anderen Städten sehen die Listenverbindungen sehr wahrscheinlich anders aus. Auf Marseille hat es die Regierungspartei ganz besonders abgesehen. Hier soll Gaston Defferre, der sozialistische Kandidat für das Amt des Staatspräsidenten, das im Dezember zur Wahl steht, vor eine Alternative gestellt werden. Er soll sich entweder mit den Kommunisten kompromittieren oder das Risiko eingehen, die große Partie schon im März zu verlieren. Dies Spiel ist noch völlig offen.