Die Desintegration der Bündnisse, eine Folge des atomaren Gleichgewichts der Großmächte, hat seit einem halben Jahr auch auf den Nahen und Mittleren Osten übergegriffen. Wie weit die Umgruppierung schon gediehen ist, wurde vorige Woche beim Besuch einer sowjetischen Delegation in der Türkei sichtbar.

Die Türken haben, ohne aus dem NATO-Bündnis auszuscheren, mit der einseitig westlich orientierten Politik gebrochen. Ein Grund dafür ist ihr Ärger über die Haltung der USA im Streit um Zypern, ein anderer sind die engen Beziehungen Zyperns zu den alten politischen Feinden der Türkei, den Russen und Arabern.

Als Zeichen des Entgegenkommens gegenüber Moskau und der Araberliga hat Ankara

1. auf die Teilnahme an der MLF verzichtet,

2. die Beziehungen zu Israel abgekühlt.

Die Sowjetunion besteht nun nicht mehr auf dem Austritt der Türkei aus der NATO. ZK-Sekretär Podgorny bot sowjetische Wirtschaftshilfe an und versprach, die Sowjetunion würde keine Panzer und Flugzeuge an Zypern liefern.

Als Fernziel erstrebt die Türkei eine „neue große islamische Weltmacht“, der sich alle arabischen und islamischen Staaten anschließen sollen. Schon im Juli wurde in Istanbul unter den Motto „150 000 Muslims“ ein regionaler Wirtschaftspakt zwischen der Türkei, Persien und Pakistan abgeschlossen. Ihnen allen ist die Enttäuschung über die USA gemein. Pakistan grollt wegen der US-Waffenhilfe für Indien, Persien wegen Kürzungen im US-Hilfsprogramm. Alle drei Staaten intensivieren ihre Beziehungen zu Moskau. Die Türkei erwägt auch die Anerkennung Pekings.