China siegt, ohne zu kämpfen. Die Erfolge in Südostasien, die Peking jüngst für sich buchen konnte, waren – wie im Fall Indonesien – das Ergebnis geschickter Propaganda und wohlberechneter Machtdemonstration, oder es waren – wie im Fall Südvietnam – Siege aus zweiter Hand. Bisher hat Mao trotz aller Kampfesparolen den offenen Konflikt gescheut, und es spricht auch wenig dafür, daß er künftig einen großen Krieg vom Zaune brechen wird, solange er seinen Machtbereich in Südostasien durch Stellvertreter-Kriege, durch Drohung oder durch Verlockung auszudehnen vermag.

Daß Pekings Einfluß und Ansehen in jener unstabilen Weltgegend immerfort steigen, ist nicht mehr zu bestreiten. Laos, mit seinem Status sogenannter Neutralität, wird praktisch von den Kommunisten beherrscht. Kambodscha, das sich lange Zeit in prekären Balanceakten zwischen Ost und West versuchte, hat sich längst auf die chinesische Seite geschlagen; ob mehr aus Furcht oder mehr aus Neigung, mag dahingestellt bleiben – hier zählt das Ergebnis mehr als das Motiv.

In Südvietnam ist der von Hanoi dirigierte und von China aus der Ferne unterstützte Guerilla-Krieg in ein Stadium getreten, wo die Vietcong-Verbände in Divisionsstärke angreifen. Die Amerikaner stehen zu ihrer Bündnispflicht, sie schicken viel Geld, sie schicken Waffen, und ohne ihre weit über 20 000 militärischen Berater wäre der Dschungelkrieg längst verloren. Aber die Amerikaner finden es immer schwieriger zu erkennen, wer denn eigentlich ihre Verbündeten sind. In einer von den Vietcong nahezu hoffnungslos eingekesselten Hauptstadt findet sich keine Zentralgewalt, die – gestützt auf hinlängliche Autorität – den Anspruch erheben könnte, den Staat von Südvietnam zu repräsentieren.

Chinas Erfolge beschränkten sich bisher auf die Peripherie des chinesischen Herrschaftsbereiches. Bei der Explosion der Atombombe in der Wüste Takla Makan freilich verhielt es sich so, daß die radioaktive Ausstrahlung von der politischen um ein Vielfaches übertroffen wurde. Das Reich der Mitte war mit einem Schlage nicht nur Nuklearmacht (mit freilich vorerst sehr beschränkten militärischer Kapazität), sondern es hatte, was für die Wirkung in Asien viel wichtiger ist, das Atommonopol der „weißen Rasse“ gebrochen.

Daß Achmed Sukarno, der nierenkranke, unberechenbare Herrscher über hundert Millionen Indonesier, tatsächlich ganz und gar auf chinesischen Kurs eingeschwenkt ist, mag zur Stunde noch nicht erwiesen sein. Aber ohne die Rückendeckung eines an Macht und Prestige gewachsenen China hätte der im politischen Ränkespiel erfahrene Sukarno es wohl kaum gewagt, den Vereinten Nationen den Rücken zu kehren, den Unwillen fast aller Nationen der Dritten Welt auf sich zu ziehen und, was am gravierendsten erscheinen muß, sogar zu riskieren, daß ihn sein verläßlichster Protektor fallen läßt: die Sowjetunion.

Die Chinesen haben im kühnen politischen „Inselspringen“ erreicht, was ihnen durch eine militärische Invasion nicht gelungen wäre: sie sitzen jetzt dem Feind im Nacken. Sie haben auf der „anderen Seite“ der beiden „vom westlichen Imperialismus gestützten“ Bastionen Malaysia und Südvietnam einen Brückenkopf etabliert. Und sie haben zugleich noch ihren intimsten Feind, die UdSSR, aus dem Felde geschlagen, die bislang den indonesischen Archipel als ihren letzten asiatischen Stützpunkt betrachtet und dorthin seit 1960 auch immense Waffenlieferungen geschickt hatte.

China steht hinter den Vietcong, die das von Amerika geschützte Südvietnam bedrohen. China stützt Sukarno, der das von Großbritannien geschützte Malaysia bedroht. Unversehens hat sich, in Washington vielleicht eher erkannt als in London, eine handfeste angelsächsische Interessengemeinschaft in Asien etabliert. Und während, was Europa anlangt, Großbritannien und die USA, jeder auf seine Weise, darauf sinnen, wie der Status quo aufzulockern wäre, müssen sie sich, und dies wohl gemeinsam in Südostasien, darüber klar werden, wo der Status quo gegenüber China zu fixieren ist.