Von Carl Zuckmayer

Anläßlich des Schillertheater-Gastspiels in New York mit dem „Don Carlos“ und dem „Hauptmann von Köpenick“ flattern mir, sicher auch Dir, lieber Gert, immer wieder Zeitungsausschnitte ins Haus, in denen es heißt: „In die Kosten des Gastspiels teilten sich das Auswärtige Amt, der Senat von Berlin und eine New Yorker Theatergesellschaft.“

Ich weiß, Du selber hast diese Anonymität gewünscht und veranlaßt. Doch scheint es mir an der Zeit, sie zu lüften – denn die deutsche Öffentlichkeit sollte erfahren, was ein einzelner Mann im Laufe von achtzehn Jahren für das deutsche Theater in New York geleistet hat.

Diese „New Yorker Theatergesellschaft“, von der die Rede ist, besteht nämlich im wesentlichen aus diesem einen Mann: Gert von Gontard.

Ich darf kurz resümieren, um wen es sich da handelt. In Amerika geboren, doch von Vater- und auch Mutterseite deutscher Abstammung, wurde Gert Gontard hauptsächlich in Deutschland erzogen und entdeckte frühzeitig seine Passion für die Literatur, die bildende Kunst, das Theater. Im Berlin der zwanziger Jahre gründete und redigierte er – selbst kaum in den Zwanzigern – die künstlerisch und politisch progressive, ja provokative Zeitschrift „Neue Revue“, unter Mitarbeit von George Grosz, Dix, Nolde, Kubin, Hofer, Franz Blei, Erich Kästner, Werner Finck und vielen anderen.

Die Machtergreifung durch die Nazis im Jahr 1933 machte natürlich die Existenz einer solchen Zeitschrift unmöglich und die Person ihres Herausgebers verdächtig. Angewidert von der politischen Entwicklung verließ Gontard (in keiner Weise „nichtarisch“ belastet) das ungastlich gewordene Deutschland – trotz seiner amerikanischen Familie ein Emigrant, denn er fühlte sich dem deutschen Kulturkreis zugehörig und hatte hier sein Arbeitsfeld gefunden.

Dem blieb er auch drüben treu. Als Regieassistent, später als Teilhaber an dessen Theaterschule in Hollywood, arbeitete er mit Max Reinhardt, für den er eine große, unerschütterliche Verehrung empfand; und diese große, heute so selten gewordene Tugend der echten Ehrfurcht, der Begeisterungsfähigkeit für das Hervorragende und Bedeutende, ohne Rücksicht auf die Schwankungen des Geschmacks und der Mode, diese ungewöhnliche Treue zu dem einmal als wertbeständig Erkannten, ist – hier muß ich Dich wieder persönlich anreden, lieber Gert – eine Deiner schönsten, auch produktivsten Gaben.