Ja, die Evangelen sind halt arg modern sagte mit spitzer Zunge meine katholische Freundin, als sie hörte, das „Eckart-Jahrbuch 1964/1965“ (Eckart-Verlag, Witten/Berlin; 332 Seiten, 24 DM) sei dem Thema „Eros, Sexus, Religio“ gewidmet.

Dabei wußte sie noch nicht, daß in dem unter so eindeutig konfessionellem Vorzeichen stehenden Sammelband von Religion nur wenig die Rede ist, viel hingegen von Erotik und Sexualität, Literatur, Musik und Film. Überdies sind die meisten Damen und Herren, die der Herausgeber Kurt Lothar Tank hier zwischen zwei Buchdeckeln vereint hat – so Ingeborg Brandt und Geno Hartlaub, Willy Haas, und Manfred Hausmann, Heinrich-Maria Ledig-Rowohlt, Oscar Fritz Schuh und Werner Weber –, der Öffentlichkeit als Spezialisten nicht für theologische Probleme bekannt, sondern eher für jene anderen in dem Band behandelten Fragen.

Eine mit Brechtscher List zusammengestellte Publikation also? Ein trojanischer Tank? Jedenfalls ein Buch, das man nicht ignorieren sollte.

Es beginnt religiös und feierlich. Hans Jürgen Baden, Pastor und Essayist dazu, erklärt: „Wir müssen als Christen damit aufhören, das Geschlecht, deutlicher, die Sexualität fortgesetzt als Quelle der Verwirrung, des Unglücks und der Sünde zu verdächtigen ... Das machtvolle ‚alles ist euer’, mit dem der Apostel der Christenheit die Wirklichkeit zu eigen gibt, bezieht sich nicht zuletzt auch auf die Welt des Geschlechts. Es gibt für Mißtrauen und Prüderie kein Alibi beim christlichen Glauben.“ Das gefällt mir sehr.

Dann verkündet der Autor: „Es ist an der Zeit, zu sagen, daß Sexus und Eros aufeinander bezogen sind.“ Und: „Eros ist nicht ein Feind der Sinnlichkeit, sondern er schließt sie ein.“