H. München

Im Morgengrauen poltern die Schneeräumer mit ihren hochrädrigen Karren, die ersten Trambahnen rücken aus, und die Zeitungsfrauen stecken die Morgenblätter in Briefkästen und Türschlitze. Diese frühen Stunden in München sind auch die Arbeitszeit der Taubenfänger auf den noch verkehrsleeren Straßen und Plätzen der winterlichen Innenstadt. Auf einem Leichtmotorrad mit kleinem Anhänger kreuzen zwei Männer auf. Schnell ist Anreizfutter gestreut, die Tauben fliegen herbei, und schon breitet sich ein Netz über die Tiere. Fachkundige Hände greifen die schlechten Tauben. In dem Anhänger werden die toten Tiere dann verstaut. Und schon geht es weiter, ehe noch irgend jemand in der jetzt taghellen Stadt aufmerksam wird.

Kein Aufsehen zu erregen, ist der erste Grundsatz der in städtischen Diensten stehenden Taubenfänger. Die Erfahrungen mit der Münchner Tierliebe haben das gelehrt. Die Taubenschwärme der bayerischen Hauptstadt sind ein Thema, das die Bürger der „Weltstadt mit Herz“ auf die Barrikaden treibt. Zum Kampf für oder gegen die Tauben. Es gibt die Legende eines Boulevardblattes, wonach nur zweimal die gesamte Auflage in wenigen Stunden ausverkauft worden sei: beim Tod des Papstes und bei der Schlagzeile „Taubenmord!“. Die Leserbrief spalten füllen sich auf Tage hinaus, wenn über Tauben berichtet wird, ohne daß ein Ende der Diskussion abzusehen wäre.

Der Münchner ist tierliebend, und es macht ihm gar nichts aus, auf den Bürgersteigen sorgsam Hundespuren zu umkurven. Treuherziges „G’schau“ der Vierbeiner läßt den Zorn über verschmutztes Schuhwerk schlagartig vergessen. Die wenigen Pferde, die in der Stadt noch Dienst tun, sind ständig von liebevollen Zuschauern umringt, und ihre Gesundheit ist ernsthaft von Süßigkeiten bedroht. Der Tod des letzten Veteranen vor einem Bierwagen, der in die Innenstadt seine Hufe hatte setzen dürfen, war ein Tag der Trauer.

Bei den Tauben dagegen trennen sich die Geister. Die vom Himmel fallenden Überraschungen wäre man am ehesten bereit hinzunehmen. Aber die Verunreinigungen der Häuser durch scharf ätzenden Taubenmist hat Kunstfreunde und Hausbesitzer gegen die Tauben eingenommen. Hygienisch besorgte Gemüter schrecken vor Ansteckungsgefahren zurück, die von Tauben ausgehen sollen. Während die eine Seite mit Gewißheit behauptet, die Erreger übertragbarer Krankheiten seien an Tauben gefunden worden, weist die andere Seite mit gleicher Gewißheit solche Verleumdungen zurück. Zur Argumentation muß das in einem Keramikbrunnen verewigte Taubenmutterl herhalten. Das Münchner Original hatte ein Leben lang Tauben gefüttert, ohne sich anzustecken. Vergessen ist, daß die tierliebe Dame bitterböse Reden gegen ihre Mitmenschen führte.

Tagesgespräch in München kann sein, wenn eine arme Taube hilflos mit gebrochenem Flügel in einer Dachrinne zappelt. Die Funkstreife der Polizei wird verständigt. Sie kann nichts ausrichten. Die Feuerwehr mit der langen Leiter muß her, und unter dem wohlgefälligen Gemurmel der Menge birgt ein Feuerwehrmann das verletzte Tier. Die Funkstreife fährt es in den Tierpark, und die Freude ist groß. Daß im Tierpark die Taube im Schlangenhaus verfüttert werden mußte, weil ihr nicht mehr zu helfen war, erfährt – Gott sei Dank – der tierliebende Bürger nicht mehr.

Fanatiker der Tierliebe, besonders solche weiblichen Geschlechts, mußten auch, schon mit der Obrigkeit Bekanntschaft machen. Dann nämlich, wenn sie die amtlichen Taubenfänger bedrohten. Auch deswegen arbeiten die Taubenfänger zu ungewöhnlichen Zeiten. Sie haben es schon erlebt, daß Taubenfreunde ihnen folgten und durch Händeklatschen die Vögel fortscheuchten. Es ist eben keine einfache Sache, in München der Taubenplage Herr zu werden. Dem Taubenreferat im Rathaus stehen jährlich 8000 Mark zur Verfügung. In der gleichen Zeit kauft der Tierschutzverein für 15 000 Mark Taubenfutter.