Hugo Friedrichs Epochen der italienischen Lyrik

/ Von Werner Ross

Was macht ein Gelehrter? Aus fünfzig alten Büchern ein neues. Dieser bescheidene Scherz stimmt nicht mehr. Gelehrte machen heute keine Bücher. Während bei den Schriftstellern der Verleger mit gezogener Pistole schon auf das nächste Manuskript wartet, werden die Professoren vom Andrang der Studenten, vom Verwaltungskram der Fakultäten, von Reisen und Kongressen so gründlich absorbiert, daß ihnen nur noch selten mehr als die Kurzform, die Abhandlung in einer wissenschaftlichen Zeitschrift oder der Akademievortrag, gelingt. Im besten Fall wird später unter einem Klammernamen ein Sammelband daraus.

Noch von einer anderen Seite her ist das große Werk bedroht. Die Spezialforschung wächst beharrlich weiter. Schon erweist es sich als notwendig, zu den Bibliographien Bibliographien der Bibliographien zu liefern.

Es gäbe, es gibt ein Gegenmittel. Die Universität selbst hält es bereit. Ich meine die Vorlesung. Der Gelehrte als Lehrer muß einführen, soll Überblicke wagen, darf Zusammenfassungen nicht scheuen. Jacob Burckhardt, der nach der „Kultur der Renaissance“ vor dem Werk zurückscheute, hat so großartige Vorlesungen gehalten wie die „Griechische Kulturgeschichte“.

Dies ist die nicht ganz überflüssige Vorrede zu einem wissenschaftlichen Buch –

Hugo Friedrich: „Epochen der italienischen Lyrik“; Vittorio Klostermann Verlag, Frankfurt; 784 S., Ln. 68,50 DM, kart. 59,50 DM. Sie ist nicht überflüssig, denn der Titel klingt. spezialistisch, eine Sache für Romanisten, wo kämen wir hin, wenn wir uns auch noch Petrarca und Tasso angelegen sein ließen? So mag denn zunächst als Behauptung hier stehen, daß diese „Epochen“ ihrerseits Epoche machen, daß hier gesetzt ist, was man früher einen Meilenstein nannte, heute – vielleicht besser – einen Standard. Nun braucht – für ein Menschenalter, sagen wir – die Synthese nicht mehr neu versucht zu werden. Wohl werden Anregungen ausstrahlen, Widerspruch wird geweckt, die Methodiker werden sich rühren, gegnerische Thesen treten gewappnet hervor. Aber so gehört es sich: das ist das große Schauspiel der Wissenschaft.