Besuch in einem Ostberliner Museum

M. E. Berlin

Für den, der willens und fähig ist, westliche Vorstellungen von jüngster deutscher Geschichte an der Garderobe abzugeben, ist die Schau hochinteressant. Sie ist im Ostberliner „Museum für deutsche Geschichte“ zu besichtigen und trägt das Motto: Im Kampf um ein einiges demokratisches Deutschland 1945 bis 1949.

Graphiken, Photos, Modelle und Gebrauchsgegenstände sprechen als Indiz, Anlaß und Dokument eine recht deutliche Sprache über einen der chaotischsten und tragischsten Abschnitte deutscher Geschichte, über die Nachkriegszeit. Das Erbe Hitlers: 600 Milliarden Schulden. 17 Millionen Opfer allein in Rußland (eine Zahl, die man sofort mit der Einwohnerzahl der DDR vergleicht). Ein Antifaplakat „Die Rote Armee kommt als Helfer, ihre Autos rollen und bringen Lebensmittel“; ein Großphoto von einem Sowjetsoldaten, ein Kind mit einer Schnitte Brot auf dem Arm; ein Aufruf „Gemäß Befehl des Militärkommandanten der Stadt Berlin, Generaloberst Bersarin, sind ab 15. Mai 1945 folgende festen Lebensmittelrationen pro Person und Tag festgesetzt worden...“ 30 Gramm Fett für Schwerarbeiter und Arbeiter in „gesundheitsschädigenden“ Betrieben, 7 Gramm für Nichtberufstätige, Familienangehörige und die übrige Bevölkerung. Salz für jeden Einwohner monatlich 400 Gramm.

Ein dicker Bambusstab mit geschnitztem Knauf, „mit dem August Bebel den Erfurter Parteitag leitete“, liegt unter Glas. Eine Schreibmaschine (Marke „Fortuna“) „der Initiativgruppe Ackermann-Matern des ZK der KPD“ kündigt das Auftauchen der Agitatoren aus Moskau an. Die Produktion von Gebrauchsgütern begann damals: Kochtöpfe aus Stahlhelmen, Milchkannen aus Gasmaskenbehältern, Abfalleimer aus Benzinkanistern. Die Berliner Busse fuhren mit riesigen Holzgasgeneratoren. In der „Tauschzentrale Volkssolidarität“ entfaltete sich der Elendsmarkt. Aber die Schlagzeile im „Neuen Deutschland“ vom 17. Januar 1947 klang optimistisch: „Marschall Sokolowski: Deutschland kann zuversichtlich sein. Abschaffung der Lebensmittelkarte VI, Einstellung der Demontage.“

Es wurde reformiert, unter anderem der Boden, nach der Devise „Junkerland in Bauernhand“, und die Gesindeglocke vom Prignitzer Gutshof Muggerkuhl wurde 1945 „zum erstenmal freudig von starker Bauernfaust geschlagen“. Da hängt sie nun, die alte Glocke, neben einem Pfahl mit eingebranntem Datum und dem Namen des neuen, proletarischen Eigentümers. Auch die Justiz formierte sich: Einmal Tod durch den Strang, dreimal Zuchthaus für Quälereien und Mord an wehrlosen Gefangenen im Radeberger Prozeß. Ein Photo von Erwachsenen auf der Schulbank; „aus allen Schichten der Bevölkerung, besonders der arbeitenden Klasse, wurden befähigte antifaschistische Kräfte ausgewählt und geschult, als Volksrichter die antifaschistische demokratische Ordnung zu sichern“.

Nach dieser Konfrontation mit dem Vexierbild eines Stückes deutscher Geschichte, strebt der Besucher dem Eingang zu. Dort steht er dann im weiten Parterre des ehemaligen Zeughauses, das nach dem Entwurf eines Franzosen zwischen 1695 und 1700 von insgesamt vier Baumeistern (Andreas Schlüter war einer von ihnen) errichtet wurde und Deutschlands berühmteste Waffensammlung enthielt. Nach schwerer Beschädigung im letzten Krieg wurde der Bau restauriert; gleichzeitig „begann unter der Leitung des bekannten Historikers Prof. Dr. A. Meusel gemäß einem Vorschlag der SED vom Oktober 1951 im Januar 1952 das Museum seine Arbeit“. Untergebracht sind dort laut Katalog: „Eine historische Fachabteilung und Bibliothek, eine Führungsabteilung mit qualifizierten pädagogischen Mitarbeitern, eine Abteilung für wissenschaftliche Publikationen, Vorträge und Bildserien.“ Dazu „Zeugen deutscher Geschichte, persönliche Erinnerungsgegenstände von August Bebel, wertvolle Autographen, Flugblätter, Möbel, Geschirr, eine seltene Sammlung von Plakaten und die berühmte Militaria-Sammlung mit alten Harnischen, Schwertern, Kanonen, Gewehren, Uniformen und Fahnen, die zu den besten historischen Waffensammlungen der Welt gehört“.

Auch Goethes gedenkt der Katalog, der nur einmal im Leben „wenige Tage in Berlin weilte. Neben dem Opernhaus, der Porzellanfabrik, Tegel, Potsdam und einigen Visiten bei Freunden versäumte er nicht, auch das Zeughaus oder das Arsenal zu besichtigen“. Weiter lernt der Besucher: „Voller Vielfalt ist die Ausstellungstätigkeit. Der Darstellung der deutschen Geschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart folgte im Karl-Marx-Jahr 1953 die Marl-Marx-Ausstellung, die das Leben und Wirken dieses größten Deutschen zeigte.“