Nachbarn hatten „Omi“ zu Besuch: eine Rentnerin, die aus Thüringen kam. Der Jüngste – acht Jahre alt – hatte sie nie gesehen; die anderen Kinder erkannten sie nicht mehr. Sie war sehr wortkarg – bis auf ein einziges Mal, wo sie erzählte. Wie sie damals als junges Mädchen Ersten Weltkrieg von (zaristischen) Russen gefangen und weg aus ihrer ostpreußischen Heimat nach Sibirien gebracht wurde: überfüllte Waggons, zusammengepferchte Menschen. Wie sie im Zweiten Weltkrieg auf der Flucht vor (kommunistischen) Russen über das gefrorene Haff „treckte“: frierende Menschen, auf Pferdewagen eng zusammengepreßt. Wie ein Schiff sie aufnahm, ein mit Menschen so überladenes Schiff, daß die Passagiere nur stehen, nur kauern, niemals sich ausstrecken konnten. Wie sie in Dänemark landeten und dann zwei Jahre in einem Lager lebten: überfüllte Schlafsäle, Menschen, dicht an dicht. Wie sie nach Thüringen kam... „Mutter, hör’ auf“, sagte die Hausfrau verzweifelt.

Nicht so, daß „Omi“ zur Unzufriedenheit, zur Klagfertigkeit neigte. Wahrscheinlich verglich sie das Leben hüben und drüben, aber sie sprach den Vergleich nicht aus. Sie sah wortlos die Fülle der Weihnachtsgeschenke an, die ihre Enkel erhalten hatten, dazu die Kränze von Feigen, die Berge von Apfelsinen, die auf den Gabentellern lagen. Sie war still und offensichtlich zufrieden, daß sie bei den Ihrigen war. Und dann reiste sie wieder ab.

Hier einige Absätze aus ihrem Brief, der soeben bei den Nachbarn eintraf: „Und nun, meine Lieben, will ich Euch berichten, wie es mir auf der Heimfahrt erging. In Lüneburg kam der Zug schon ziemlich voll an, ich habe aber noch einen Platz bekommen. Ich traute jedoch meinen Augen nicht, als ich in Hannover zum Bahnsteig zu dem Interzonenzug ging. Er war voll von alten Leuten – ich konnte mir nicht vorstellen, daß sie alle Platz haben würden. Und was sich nun abspielte, war wirklich fast unglaubhaft.

Wir wurden in den Zug hineingehoben und geschoben, die Gänge waren vollgestopft, die Toiletten waren voll Koffer gestapelt, und ich stand im Durchgang zum nächsten Waggon, nicht etwa allein, sondern einer an den anderen gepreßt. Es zog erbärmlich durch die ‚Harmonika‘, und ich konnte nicht einmal zu meinem Koffer, um mich dort hinzusetzen. Dem Kontrolleur war es nicht möglich, durchzukommen; so mußten wir aus den Durchgängen wieder heraus...

Ich werde noch lange an diese Reise denken. Natürlich muß ich jetzt das Bett hüten, und ich möchte Euch noch ganz besonders für das Fläschchen Rum danken, das mich erwärmte und mir auf die Beine half ... Ich bin hin und her bei Euch mit der Bahn gefahren, um die ganze Verwandtschaft zu besuchen; die Züge waren immer so gut wie leer. Warum mußte der letzte Zug mir bei meinem schönen Besuch bei Euch so bitter mitspielen?“

Ich denke, Briefe wie diese – und vermutlich gibt es Tausende dergleichen – sollten den Herren der Bundesbahndirektion und dem Minister Seebohm zu Gesichte kommen. Sie könnten freilich darin lesen, daß es auch „drüben“ nicht geklappt hat: Anderthalb Stunden Kontrolle an der Grenze. In Halle kein Anschlußzug, auch nicht in Naumburg und nicht in Göschwitz. Mitternacht, dem letzten Termin, wie „Omi“ schrieb, kam sie zu Hause an.

Sollten die Beamten der „Reichsbahn“ (wie sich diese Behörde dort drüben immer noch nennt) um Ausreden über ihr Versagen beim zweiten Teil der Rentner-Reise verlegen sein, so ist es ihre Sache. Wir hingegen sind begierig auf die Ausreden, mit denen unsere „Bundesbahn“ sich womöglich dem bitteren Vorwurf zu entziehen versucht, daß sie beim ersten Teil der Rentner-Heimfahrt sich schändlich blamiert hat. Und das, nachdem alle Menschen (und alle Behörden) in der Bundesrepublik eben diesen Rentnern so hilfreich, so herzlich entgegengekommen sind.