AMSTERDAM (Rijksmuseum):

„Dürer und seine Zeit“

Die 150 Zeichnungen, die erst in Brüssel ausgestellt waren und bis zum 7. Februar in Amsterdam bleiben (im Herbst 1965 werden sie als Wanderausstellung durch die USA reisen), stammen aus dem Berliner Kupferstichkabinett. Es ist das erste Mal nach dem Kriege, daß die Berliner Museen einen derart wertvollen und umfangreichen Komplex ins Ausland schicken, mit der Unterstützung des Auswärtigen Amtes und im Rahmen kultureller Abkommen und Austauschprogramme. Wenn man Kunst als ein nationales Propagandamittel akzeptiert, und was bleibt einem übrig, wenn Frankreich die Mona Lisa und Italien sogar Michelangelos Pieta nach New York und der Orient seine Schätze nach Europa transportieren, dann muß man zugeben: das Berliner Unternehmen erfüllt seinen Zweck auf die denkbar beste Weise. Eindrucksvoller ist das Deutsche in der deutschen Kunst überhaupt nicht darzustellen als in diesen Handzeichnungen der Dürerzeit. Kein anderes Museum der Welt, nicht einmal die Albertina, obgleich sie noch mehr Dürerzeichnungen besitzt als Berlin, wäre in der Lage, die ganze Epoche, von Schongauer bis Huber und Niklaus Manuel Deutsch, so umfassend und auf einem derartigen Niveau zu dokumentieren. Die vom Direktor des Kupferstichkabinetts Dr. Hans Möhle getroffene Auswahl enthält: 40 Blätter von Dürer, angefangen mit dem Blatt der „Thronenden Jungfrau mit den musizierenden Engeln“ des Vierzehnjährigen bis zu den Porträts und der „Sitzenden Frau“ von 1514, dem Modell der „Melancholie“, und der Apostelstudie von 1526. Weiter vier Blätter von Grünewald, drei von Holbein dem Jüngeren, sieben von Altdorfer, neun von Baidung Grien, dazu viele Namen, die im Ausland kaum bekannt sind und die Unerschöpflichkeit dieser Geniezeit demonstrieren: Strigel,Beham,Schäufelein, Jörg Breu, Urs Graf, der jüngere Peter Vischer. Könnte diese Kollektion, wenn sie aus Amerika zurück ist, nicht auch durch Westdeutschland reisen, um, wenn es denn unbedingt einen außerkünstlerischen Anlaß haben muß, für Berlin und seine Museen zu werben? g. s.