Fährt der Kanzler nach. Paris, weil er glaubt, daß er mit Paris besser fährt?

Es könnte sein, daß die Reise von Ludwig Erhard nach Paris eine geradezu dramatische Wendung unserer Außenpolitik einleitet. Diesem unmittelbar bevorstehenden Ereignis kommt eine Bedeutung zu, von der die wenigsten Bürger unseres Landes auch nur eine Ahnung haben.

Was steht seit dem Jahreswechsel in Bonn zur Debatte? Scheinbar ganz einfach dies: Eine Verbesserung unserer Beziehungen zu Paris, die man sich in der Tat gern reibungsloser, freundschaftlicher, solidarischer wünschen möchte. Die NATO-Tagung im Dezember hat gezeigt, wie viele unnötige Sticheleien die Atmosphäre getrübt haben. Aber, so muß man sich fragen, ist es wirklich nur eine Sache der Atmosphäre? Sind es nicht ganz handfeste Meinungsverschiedenheiten, die allmählich zu jener Trübung geführt haben?

Die Optimisten und die Illusionisten in der Bundesrepublik haben immer behauptet, wir brauchten nicht zwischen Washington und Paris zu wählen. Begründung: Wir möchten ja mit beiden gleichermaßen gut Freund sein, denn wir haben doch die Unterstützung beider nötig. Das ist richtig. Die Schwierigkeit ist nur, daß jene beiden zwei von Grund auf verschiedene Konzepte haben und jeder der beiden die Bundesrepublik zur Verwirklichung seiner Pläne braucht. Daß wir also genötigt sind und sein werden, immer wieder für den einen und gegen den anderen zu optieren.

Abbruch der NATO

Washington wünscht ein Europa, das am Ende eines langen Integrationsprozesses „mit einer Stimme“ spricht; es will einen handlungsfähigen Partner haben. Paris ist, wie de Gaulle noch in seiner Neujahrsansprache verkündet hat, für absolute nationale Unabhängigkeit und „gegen alle Systeme, die unter dem Deckmantel des Supranationalen oder der Integration oder auch des Atlantikertums uns in Wirklichkeit nur unter der bekannten Hegemonie halten wollen“. Washingtons China-Politik ist der des Generals diametral entgegengesetzt. Washingtons Militärkonzept (hohe Atomschwelle und gestufte Abschreckung) ist der des Generals (niedrige Atomschwelle und massive Vergeltung) diametral entgegengesetzt.

Weiter: Washington ist für die NATO, Paris ist gegen sie. Als wahrlich unverdächtiger Zeuge für diese Feststellung, die sonst mancher als schiere „Behauptung“ abqualifizieren könnte, sei hier der Leitartikel der Neuen Züricher Zeitung vom 10. Januar 1965 zitiert: „De Gaulle hat offensichtlich die Absicht nicht aufgegeben, die organisatorische Struktur der NATO im Laufe der nächsten fünf Jahre abbau- und abbruchreif zu machen und die Allianz auf den papierenen Bündnisvertrag zu reduzieren, durch den sich Frankreich in der freien Verfügung über seine Kräfte nicht mehr gehemmt sehen würde.“ Eine französische Stimme bestätigt dies. Raymond Aron schrieb im Figaro vom 5. Januar 1965, „Daß es dem Präsidenten darum, geht, eine selbstgenügsame und weniger von den USA abhängige europäische Verteidigung vorzubereiten, unterliegt keinem Zweifel.“